MUSIK

Sturm auf Kölner Dom: 10.000 wollen Insta-Organistin Anna Lapwood erleben

Die Schlange war so lang, dass Deutschlands größter Dom zweimal zu klein war. Der Insta-Star hatte eine Idee – so außergewöhnlich wie das Programm.

Damit hat niemand der Verantwortlichen an der Hohen Domkirche gerechnet. „Wir sind hier einiges gewohnt – aber das hier toppt alles“, sagt Markus Bosbach, Domkapitular am Kölner Dom, als er vom Ambo aus knapp 4.000 Menschen in Deutschlands bekanntester und größter Kathedrale begrüßt – auf Deutsch und auf Englisch.

Sie sitzen überall: auf Bänken und Kniebänken, auf dem Boden des kompletten Mittelschiffs und der Seitenschiffe, sie lehnen an den massiven Säulen und stehen, wo man eben noch stehen kann.

Kleiner großer Weltstar

Der Grund ist knappe 1,70 Meter klein, zierlich, quirlig, immer freundlich, immer humorvoll, erst 29 Jahre alt – aber längst ein Star der internationalen Orgelszene und der Medien: Anna Lapwood aus Großbritannien, ihres Zeichens Organistin der legendären Royal Albert Hall in London, Preisträgerin des Echo-Klassik und Social-Media-Grande: auf Instagram, Tiktok, Youtube und Facebook folgen ihr Millionen.

Bei den BBC Singers ist sie „Artist in Association“, die Sunday Times nahm sie als eine der 30 einflussreichsten Britinnen und Briten unter 30 in ihre „Young Power List“ auf. Sie spielt in den großen Musiksälen der Welt – von Sydneys Opera House über die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles bis zur Elbphilharmonie in Hamburg. Und jetzt im Kölner Dom. Für lau und nichts. Gratis!

Polizei-Einsatz beim Orgelkonzert

In Köln sind es an diesem warmen Sommerabend immerhin so viele, dass es kurzzeitig zum Verkehrschaos in der City kommt. Schon drei Stunden vor dem geplanten Konzertbeginn um 20 Uhr verlängert sich die Schlange derer, die ab 18.30 Uhr Einlass in den Dom erhofften, zusehends bis zum Neumarkt – macht knapp zwei Kilometer. Die Sicherheitskräfte werden um Unterstützung gebeten – später wird Anna Lapwood sagen: „Das ist verrückt! Das hatte ich noch nie: Die Polizei hilft bei einem Orgelkonzert!“

Doch es bleibt dabei, denn eigentlich heißt es, im Dom sei Platz für maximal 3.200 Menschen: Nach 3.800 Besuchern schließen sich die großen Domportale – fürs Erste. Denn Lapwood ist so überwältigt, dass sie spontan ein zweites Konzert dranhängt. Sie beginnt etwas früher, spielt etwas kürzer – und um knapp nach 21 Uhr geht es in die nächste Runde, für jene, die draußen bleiben mussten.

Internationales Fanfestival

Dazwischen herrscht im Hohen Dom eine Stimmung, die bei der „Last night of the proms“ in Londons Royal Albert Hall nicht besser sein könnte. Der Grund, man muss nicht groß drumherum reden: Lapwood ist bekannt für ihre Orgelinterpretation großer Filmmusiken.

Das zieht die Leute nicht nur im Netz an, sondern auch in Köln. Wobei aus der Domstadt wohl die wenigsten gekommen sein dürften. Aus ganz Deutschland, den Niederlanden, Belgien, aus Lapwoods britischer Heimat, sogar aus Kanada sollen Menschen angereist sein: „Ihre“ Anna in dieser berühmten Kathedrale! Ein solches Event sorgte für ein internationales Fanfestival.

Lapwood hüpft und weint

Anna Lapwood selber hüpft und tanzt und winkt, wenn sie auf der Orgelbühne des Hauptwerks auch ihrer Begeisterung freien Lauf lässt. „Das ist das Verrückteste, das ich je erlebt habe!“, ruft sie ins Mikrofon übers übervolle Kirchenschiff. Sie erzählt, was sie die Tage zuvor schon in kleinen Videos im Internet geteilt und damit knapp 40.000 Likes ergattert hat: als sie während ihrer stundenlangen nächtlichen Proben allein in der dunklen Kölner Kathedrale von der Monstrosität und Wucht, den klanglichen und technischen Möglichkeiten der Domorgeln überwältigt wurde.

Und dann legt sie los. Führt kurz und humorvoll in die einzelnen Stücke ein – darunter gleich drei des deutschen Filmkomponisten Hans Zimmer: „Chevalier de Sangreal“ aus dem „Da Vinci Code“, „Cornfield Chase“ aus „Interstellar“ und am Schluss der Knaller: eine Suite aus „Der Fluch der Karibik“, arrangiert von Anna Lapwood selber. Dazwischen hebt sie ab mit John Williams „Duel of the Fates“ aus der Starwars-Saga. Allesamt effektvolle Stücke, im Nullkommanix ist die Gänsehaut da. Überhaupt: die Emotionen! Lapwood selber erzählt, wie sie beim Proben geweint habe – so tief habe dieses Instrument vermocht, sie anzurühren.

Live. Musik. In einer Kirche!

Man kann beklagen, dass dem jenem Andrang geschuldeten Zeitbeschnitt ausgerechnet die wenigen eher „klassischen“ Orgelwerke von Johann Sebastian Bach („Ave Maria“, Gounod), Eugène Gigout (Toccata) und Philip Glass („Mad Rush“) zum Opfer fielen. Die Begeisterung der Lapwoods-Fans schmälerte das nicht. Immer wusste ihre Meisterin gekonnt, sie mit einer überdimensionalen Wolke aus sattesten Bässen und gewaltigen Steigerungen von verschwebenden Flöten- und Glockentönen zu überbordender Tutti-Gewalt in einen Klangrausch zu hüllen. Und das nicht nur einmal, sondern – einigermaßen erwartbar – jedesmal.

Dies nicht auf dem Smartphone oder per Kopfhörer aus der Retorte zu erleben, sondern live auf einem gigantischen Orgelwerk samt Schwalbennest und Hochdruck-Fernwerk und dazu in einer solchen erhebenden Architektur – das hat ganz offenbar alle überwältigt. Weil sie es nicht kannten, viele es zuvor nie erlebt haben. Beides: Diese Musik! Und das in einer Kirche!

„Ständchen“ für Janina

Es war ein begeistertes Johlen und Pfeifen und Klatschen samt Standing Ovations wie nach einem großen Popkonzert, als das vorerst letzte Stück gespielt war. Anna Lapwood bedankt sich – sie hüpft und springt wieder – und sucht dann im Publikum nach einer gewissen Janina. Schnell ist sie gefunden. Janina hat heute Geburtstag. „Also“, sagt Anna Lapwood, „ich spiele noch ein Stück, wenn ihr auch etwas für mich tut: Wir singen gemeinsam ‘Happy Birthday’ für Janina!“ Der Applaus zeigt das Okay des Publikums, und schon zieht Lapwood buchstäblich alle 143 Register. Ein kurzer Akkord – und dann singt der ganze Dom, begleitet vom vollen Tutti der Orgel, „Happy Birthday“ für Janina.

Als auch die Zugabe verklungen ist, verlassen nach einer knappen Stunde alle, wie Domkapitular Bosbach erbeten hatte, geordnet zum Nord- und Südportal die Kathedrale. Draußen im goldenen Sommerabendlicht sieht man glückliche Menschen auf dem Roncalliplatz, die sich anstrahlen – fast ungläubig, wie überwältigend die Realität sein kann. Und damit ist wohl nicht nur die bezaubernde Anna Lapwood, sondern auch dieses Musik-Erlebnis in Kölns Kathedrale gemeint. Bald darauf geht es in die zweite Konzertrunde – für die nächsten 3.800 Gänsehäute.

Kritik an der Organisation

Das ändert allerdings nichts daran, dass auch danach mehrere Tausend keine Chance hatten, in den Dom zu kommen. Lapwood selber schreibt von weiteren 5.000 Menschen. Noch am Abend wird Kritik an der Organisation laut, von „Chaos“ ist die Rede. Menschen hätten sich problemlos an den geduldig Wartenden vorbeigeschummelt, was von den Verantwortlichen nicht verhindert worden sei. 

Auch wird moniert, dass offenbar falsch eingeschätzt wurde, welche Massen ein Social-Media-Star wie Anna Lapwood mobilisieren würde. Um das einigermaßen in den Griff bekommen zu können, wäre es sinnvoll gewesen, kostenpflichtige Tickets vorab zur Verfügung zu stellen, so die Kritik vor allem in den sozialen Netzwerken.

So reagiert Anna Lapwood

Die Künstlerin zeigt sich auf Social Media bekümmert und entschuldigt sich. Sie habe erst eine halbe Stunde nach dem zweiten Konzert erfahren, dass dennoch so viele Menschen keine Chance hatten: „Seitdem fühle ich mich schlecht.“ 

Zugleich bittet sie um Nachsicht für das „Cathedral Team“: „Sie haben einen unglaublichen Job gemacht, angesichts der Situation so schnell wie möglich zu reagieren, haben zusätzliches Personal besorgt.“ Lapwoods Konsequenz: „Ich habe gelernt: Ich werde künftig sicherstellen, dass es ein Ticket-System gibt.“ Und äußert ihre Hoffnung, schon bald erneut „dieses außergewöhnliche Instrument zu spielen“.

Nächstes Konzert in Hamburg

Vorher aber, nämlich schon morgen (Donnerstag, 17.07.2025), spielt Anna Lapwood in der nächsten deutschen, katholischen Kathedrale: im St.-Marien-Dom von Hamburg. Für das Konzert gab es einen Vorverkauf. Tickets aber, schreibt Andreas Herzig, Medienchef des Erzbistums, auf Facebook, gibt es nicht mehr – sie sind restlos ausverkauft.

UPDATE 16.07.2025, 11:40: Ergänzt um Reaktionen von Besuchern und Anna Lapwood zur Organisation. | mn
UPDATE 16.07.2025, 14:25: Zuschauerzahlen nach Polizei-Angaben korrigiert. | mn

Anzeige

Komplet - der Abend-Newsletter von Kirche+Leben

JETZT KOSTENLOS ANMELDEN



Mit Ihrer Anmeldung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.