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Die Amtseinführung von Heiner Wilmer in Münster zeigt, wie es gelingt, heute einen neuen Bischof zu feiern. Beobachtungen, Wahrnehmungen, Deutungen.
Manchmal wundert man sich, wie einfach und darin überwältigend es dann doch sein kann, als große Gemeinschaft gläubiger Menschen zu feiern, dass sie einen neuen Bischof hat. Und dieser Bischof heißt Heiner Wilmer, ist seit heute der 76. Nachfolger des heiligen Liudger, der vor 1.200 Jahren ins Münsterland gepilgert ist, um den Menschen die beste Botschaft der Welt zu bringen.
Dessen 75. Nachfolger, Felix Genn, reichte heute im Paulusdom den Bischofsstab weiter, sichtlich erfreut. Er wird sehr genau wissen, was es bedeutet, in dieser Zeit die Leitung einer Diözese – einer so großen zudem – zu übernehmen. Noch vor fünf Jahren hatte Genn im Kirche+Leben-Interview erklärt: „Wir sind definitiv auch in einer Krise des Bischofsamts.“ – Wie also gestaltet, wie feiert man, wie feiert die Kirche da sinnig, stimmig und verantwortungsvoll die Amtseinführung eines neuen Bischofs?
Hier feiert keiner sich
Indem man sich vor allem nicht selber feiert. Nicht die Bischöfe sich, nicht die Kirche sich, nicht einmal das Bistum Münster sich. Vor 16 Jahren noch, als mitten im aufbrechenden Missbrauchsskandal in Münster gleich drei Weihbischöfe geweiht wurden, da hat man es sich noch geleistet, zum Einzug Anton Bruckners klerikal-triumphalistisches „Ecce sacerdos magnus“ („Seht der Hohepriester!“) zu musizieren. Jetzt, zur Einführung von Heiner Wilmer, war von solcher Selbstherrlichkeit auch nicht im Ansatz etwas zu spüren.
Natürlich – feierlich musste es sein, und feierlich war es. Und der hochsommerliche Tag tat von ganz allein eine herrliche Unbeschwertheit dazu.
Natürlich, alle Glocken läuteten, am Vorabend schon von allen Kirchen, die Domtürme waren mit Fahnen geschmückt, in der Kathedrale alles aufgefahren, was diesen so schlichtschönen Ort noch schöner machte: allem voran die vielen brennenden Kerzen an Apostelleuchtern, im Chorraum am großen Radleuchter und bei den Engeln hoch oben ringsum. Dazu über und über mit geschmackvollen pastelligen roten, gelben und weißen Blüten bestückte Blumensäulen im Altarraum.
Worum es im Kern geht
Und natürlich, die große Domorgel barst geradezu, als der Gottesdienst mit dem Einzug begann. Keine nicht enden wollende Prozession aller anwesenden Bischöfe, sondern lediglich die aus Münster und Hildesheim, Wilmers bisherigem Bistum, dazu Altbischof Genn, der ernannte neue Nuntius, der Kölner Metropolit – und natürlich der neue Bischof. Voran das Domkapitel und die Mädchen und Jungen, Frauen und Männer der Domministranten. „Lobe den Herren“ sangen alle, dieses altvertraute Festlied, das fein anzeigte, worum es hier im Kern geht: um Gott – und die Menschen, die ihn gemeinsam feiern.
Der bisherige Diözesan-Administrator Antonius Hamers, dem in der 15-monatigen Sedisvakanz die Übergangsleitung der Diözese zukam, begrüßt alle, nennt das Ende dieser Zeit „ein freudiges Ereignis“, ergänzt launig „nicht zuletzt für mich selbst“ – und sagt „unserem Bischof Heiner“ ein herzliches Willkommen in Münster.
Dann wird vieles anders
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki schließlich eröffnet die Liturgie. Ihm ist wichtig zu erklären: „Nicht durch Zufall, sondern durch den Ruf des Herrn selbst steht Heiner Wilmer hier als ihr neuer Bischof.“ Nicht Kalkül, sondern der Heilige Geist habe alle hier zusammengeführt. Woelki betont, alle Dienste und Ämter hätten nur ein Ziel: „Alles diene zum Aufbau des Leibes Christi, der die Kirche ist.“
Dann wird vieles anders, nicht nur weil es still wird. Heiner Wilmer selber hat noch keine Silbe gesprochen, steht vorn am Rand des Altarraums und übergibt die Ernennungsurkunde von Papst Leo XIV. an Dompropst Hans-Bernd Köppen. Der zeigt sie mit hocherhobenen Armen den Menschen im Kirchenschiff und im Chorraum, Laien, Priestern und Bischöfen. Schließlich verliest Köppen die Urkunde – abwechselnd mit der Co-Vorsitzenden des Diözesankomitees der Katholiken im Bistum Münster, Brigitte Lehmann. Nachdem der Dompropst formell festgestellt hat: „Mit großer Freude stellen wir fest, dass Sie der rechtmäßige Bischof von Münster sind. Herzlich willkommen!“, brandet erstmals Applaus auf. Heiner Wilmer blickt bewegt zur Seite in den vollen Dom, deutet ein kleines Winken zu den Menschen an – die stimmen „Nun danket alle Gott“ an.
„Trage Sorge für die Kirche von Münster“
Sodann wird der goldene Liudgerstab durch den Mittelgang nach vorn getragen – begleitet von jenen 16 Frauen und Männern, die erstmals mit den 16 Geistlichen des Domkapitels nach geeigneten Bischofskandidaten gesucht hatten. Vorn am Altar übernimmt Felix Genn diesen Stab und reicht ihn an seinen Nachfolgerbischof weiter: „Trage Sorge für die Kirche von Münster, trage Sorge für die ganze Herde Christi. Der Heilige Geist, der dich zum Bischof bestellt hat, möge dir helfen, das Volk Gottes zu leiten.“
Schließlich nimmt Kardinal Woelki Wilmer leibhaftig beim Arm und führt ihn zur Kathedra, dem Bischofsstuhl im Chorraum des Paulusdoms. Dann nimmt Heiner Wilmer dort Platz, blickt ein wenig ehrfürchtig den Bischofsstab hoch, die Menschen geben tosend applaudierend ihrer Freude Ausdruck. Da ist er, der neue Bischof. Jetzt gilt es.
„Here I am, Lord“
Und dann nimmt sich alles zurück, geschieht etwas zutiefst Bewegendes: Ein Lied hebt an, das sich der neue Bischof ausdrücklich gewünscht hat. „Here I am, Lord“ – „Hier bin ich, Herr“. Gesungen zunächst von den hellen Stimmen aller Frauen im sonnenlichtdurchfluteten Dom, dann von den Männern, schließlich von allen, am Ende mit großem Überchor und berauschendem Orchesterklang.
Ein ruhiger, freundlicher, heller, zuversichtlicher Gesang, der ein großes Geheimnis zum Klingen bringt: dass all dies hier im Kern weit mehr als das Protokoll eines Amtsantritts ist, sondern ein tiefes Ereignis. Kein Triumphgespiele, sondern da rührt etwas an die grundgute Gründungsidee der Kirche, die zwar von Gott her kommt, aber doch auch von ihm nicht ohne die Menschen gedacht werden kann und darf.
Was mag in Heiner Wilmer vorgehen?
Etwas zutiefst Existentielles zudem klingt hier durch: „Hier bin ich.“ Gott, ich, wir: Das ist Kirche, da verortet sich dieser Bischof, lässt sich vom Wogen des Liedes, der Stimmen, der Musik tragen. Was mag in ihm vorgehen, wenn da die Gemeinschaft, die ihm nun anvertraut ist, für ihn sein „Adsum“, sein „Hier bin ich“ singt – und zugleich ihr je eigenes „Hier bin ich“, das sich in Dienst nehmen lassen will? Da ist nichts von strenger Macht, von stolzer Autorität, von klerikaler Hierarchie.
Überhaupt: Wilmer hat – anders als sein Vorgänger – sein bischöfliches Wappen nicht an der Kathedra anbringen lassen. Es sind diese kleinen Dinge, die auf eine feine Sensibilität dafür hinweisen, wie Bischofsein heute geht. Seine Mitra etwa setzt er selber auf und ab, er trägt sie auch nicht bei seiner Predigt, dasselbe gilt für seinen Bischofsstab.
Am Anfang ein Segen
Heiner Wilmer ist mittendrin, wie er da auf der Kathedra sitzt. Ja, rings um ihn das geistliche Domkapitel, die bischöflichen Gäste, aber ebenso Jugendliche und Frauen. Und als dann Priester, Diakone, Pastoralreferentinnen und -referenten, Religionslehrkräfte, Vertretungen aus den Pastoralen Räumen, der Caritas, der Jugendlichen und Studierenden vor ihn treten, ihn ihrer verbindlichen Verbundenheit versichern, vereint sich die Gemeinde mit ihnen, indem sie sich Wilmers Wahlspruch singend zu eigen macht: „Adiutores gaudii vestri – Gehilfen zu eurer Freude“.
Wilmer geht von einem zur anderen, reicht die Hand zum Friedensgruß – anschließend auch Vertretungen aus Münsters Partnerbistümern Tula in Mexiko und Wa in Ghana, aus der Ökumene, dem Judentum, dem Islam, viele umarmt Wilmer herzlich, schließlich dem münsterschen Domkapitel. Auch das hier ist etwas anderes als ein Einschwören in Gehorsam und Gefolgschaft, vielmehr Auftakt einer herzlichen, im Glauben verbundenen Gemeinschaft. Nach einer guten Dreiviertelstunde spricht Wilmer erstmals zu allen: „Der Herr segne euch.“ Am Anfang ein Segen.
„Offenes, Unfertiges“
In seiner Predigt erzählt Wilmer von seinen Pilgertouren durchs neue Bistum in den Tagen vor der Einführung, den vielen Begegnungen und Gesprächen mit den Menschen. Und wie sie gemeinsam den Wind gespürt haben, „den Regen auf der Haut, die Sonne im Gesicht“. Wie sie im Gras gesessen, miteinander gesprochen und einander zugehört haben. Und er nur eine Frage hatte: „Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Glauben und mit Gott?“ Wo der Glaube getragen habe und wo er fehlte, wie sie die Dunkelheit aushalten, das Ringen mit Gott. Viel Verletzliches habe er gehört, „Offenes, Unfertiges.“ Und viel Vertrauen. Von Enttäuschung und Hoffnung und Brüchen und Ringen.
Wilmer geht auf die Lesungen ein, die von Propheten erzählen, die Ablehnung, Verfolgung, Spott erleben mussten. Auch Angst und Erschöpfung, Gotteszweifel und Gottesferne. Und von den Jüngern wird berichtet, die Jesus aussendet. „Nicht in eine sichere Welt“, wie der Bischof sagt. Damals wie heute komme es darauf an, sich zu bekennen.
„Wer tiefer sieht, leidet mehr“
Aber Wilmer redet keinem katholischen Heroismus das Wort, keinem vor Selbstgewissheit und Selbstherrlichkeit strotzenden Glauben. Er weiß vom „Trainingsraum für Überforderung“, als den der Philosoph Peter Sloterdijk unsere Zeit bezeichne, sagt Wilmer: „Wir sind hin- und hergerissen zwischen einem tiefen Verlangen nach Sinn, nach Dauer, nach Ewigkeit – und einer Wirklichkeit, die sich oft im Augenblick verliert. Wir spüren: Wer tiefer sieht, leidet mehr. Leiden ist der Preis gesteigerter Sensibilität.“
Und dann sagt er: „Das Bistum Münster kennt Antworten.“ Doch kaum ahnt man darin eine kleine Lobhudelei perfekter Konzepte, erdet Wilmer: „Keine abstrakten, sondern gelebte. Das Bistum Münster ist reich an prophetischen Stimmen.“
Drei Frauen
Von denen gebe es viele, sagt der Bischof, er beschränke sich auf drei. Drei Frauen. Auf Annette von Droste-Hülshoff, die in ihrer Erzählung „Die Judenbuche“ dahin gehe, „wo es weh tut“. Zu ausgegrenzten Minderheiten in Gesellschaft und Religion. Und Wilmer sagt, was Bekennen heißt: „Auf der Seite der Verwundeten stehen.“
Er nennt die selige Maria Droste zu Vischering, die sich in Portugal um Menschen am Rand der rasanten Industrialisierung kümmerte, in Armut und Prostitution Gezwungene. Und er sagt, was Bekennen heißt: „Aus der Tiefe Gottes heraus in die Welt gehen. Beten – und handeln. Gott suchen – und den Menschen dienen.“
Schließlich spricht er von der seligen Schwester Maria Euthymia, die im Kriegsgefangenenlager in Dinslaken erfährt, dass ihr Bruder in Russland gefallen ist – um sich dann um die zu kümmern, die sie brauchen: russische Kriegsgefangene. Und Wilmer sagt, was Bekennen heißt: „Im Unklaren das Gute tun.“ Und er sagt, was es nicht heißt: „Perfekt sein, keine Zweifel haben, immer sicher zu sein.“
„Seid nicht bange!“
Mystik und Politik – das ist Wilmers Kosmos. Gott und die Menschen zusammenbringen. Das könne in unserer Zeit klein beginnen, etwa mit einem „Wort, das nicht angepasst ist“. Und er weiß: „Vielleicht spüren wir dabei die Angst, anzuecken, missverstanden zu werden.“ Doch genau darin liege die Verheißung Jesu. Deshalb ermutigt der neue Bischof von Münster: „Über dem Abgrund der öffentlichen Bloßstellung müssen wir uns nicht selbst sichern. Wir dürfen uns von Gott halten lassen.“
Und stärkt gleich an Ort und Stelle all die Menschen im Dom: „Seid nicht bange! Bleibt standhaft! Haltet fest am Glauben!“ Fest und entschieden sagt er: „Amen.“ Dahinein brandet sofort Applaus auf im Dom, weil wohl alle verstanden haben – auch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) und Münsters Oberbürgermeister Tilman Fuchs (Grüne).
Kartoffeln, Wurst und Korn
Wieder sind es dann Frauen und Männer, junge und ältere aus dem ganzen Bistum, die schließlich Bitten und Gaben miteinander verbinden, zum Bischof tragen, ihn so betend in ihre Gemeinschaft, die Gemeinschaft der Kirche im Bistum Münster, holen: eine Bibel für Verkündigung und Orientierung, ein Fahrrad – typisch für die Region – für Bewegung und Nachhaltigkeit, ein Fischernetz für Gemeinschaft, schließlich Pumpernickel, Schinken, Kartoffeln, Wurst und Korn für Heimat und Alltag. Und ein Globus für die Weltkirche.
So feiern sie Eucharistie, die vielen Menschen mit ihrem neuen Bischof. Im Hochgebet ist es Wilmers Vorgänger Felix Genn, der erstmals in der Diözese um die Einheit mit „unserem Papst Leo und unserem Bischof Heiner“ bittet. Beide teilen später nebeneinander die Kommunion an die Gläubigen aus.
„Danke für Ihre Nähe“
Und dann ergreift Wilmer nochmals das Wort, sagt mit Blick auf die vielen Menschen im Dom: „Was für ein Tag, was für ein Bild! Danke für Ihre Nähe, für diese Atmosphäre!“
Er spricht Dankesworte an die vielen Gäste, die bei weitem nicht nur aus dem Bistum, sondern aus vielen Ländern gekommen sind. Wilmer erweist sich einmal mehr als Sprachgenie, spricht den ernannten Nuntius auf Niederländisch an, andere Gruppen auf Spanisch, Englisch, Polnisch, Französisch, Italienisch. Und schließlich, ganz am Ende, alle in seinem neuen Bistum auf Plattdeutsch in der offiziell vom Bistum autorisierten Schreibweise: „Blieft munter! Laot ju nix ankommen! Haolt ju fuchtig! Chut chaon!“
Ein Augenzwinkern am Schluss
Da mischen sich Lachen und Klatschen und nichts von alldem wirkt aufgesetzt, künstlich. Nach fast drei Stunden endet eine Feier heller Herzlichkeit und Natürlichkeit, tiefer Stille und überbordender Begeisterung, lockerer Ungezwungenheit und großen Ernstes, lebendiger Gemeinschaft und Freude über den neuen Bischof.
Das alles verdankt sich über die Maßen einer feinen, sensiblen Gestaltung der Liturgie und dem über die Maßen gelungenen Programm der Dommusik. Da darf es dann zum Auszug auch mal Widors „Marche pontificale“ sein – und sei es als pompöses Augenzwinkern. Schön war's, einfach groß.