REPORTAGE

Wenn 1.000 Menschen im Dom auf den Bischof warten: Ihnen brannte das Herz

Mehr als 1.000 Menschen haben im Paulusdom gespannt verfolgt, wer neuer Bischof von Münster wird – und erlebten eine Feier voll großer Emotionen.

„Es wird der, den Gott dafür vorgesehen hat. So einfach ist das.“ Die Frau mit grauem Haar und fliederfarbener Jacke nickt und lächelt. Zusammen mit einer Freundin hat sie vor der Seitenwand des Münsteraner Paulusdoms noch einen Platz auf einer Bank gefunden. Dass sie an diesem Tag herkommen, war für beide eine Selbstverständlichkeit. Denn: „Es geht hier immerhin um unseren neuen Bischof.“

Um Punkt 12 Uhr soll es an diesem Mittag so weit sein: Im bis auf den letzten Platz gefüllten Dom wird der 76. Nachfolger des heiligen Liudger als neuer Bischof von Münster bekannt gegeben. 13 Monate haben die Menschen im Bistum damit nach dem Rücktritt von Felix Genn auf die Wahl des neuen Bischofs gewartet.

Es geht weiter im Bistum Münster

Wer dem Gemurmel in den Gängen und Bänken zuhört, spürt vor allem eins: Vorfreude. „Natürlich freuen wir uns. Immerhin ist das ein großer Tag für uns in Münster“, sagt ein älterer Mann, der mit Freunden gekommen ist. Ein junges Paar hält sich vor Aufregung an den Händen. „Wir mussten das einfach direkt hier erleben“, sagen sie und erzählen, dass sie sich besonders früh auf den Weg gemacht haben. Hans-Jürgen Gerdes und seine Frau sind aus Sendenhorst gekommen und beeindruckt von den mehr als 1.000 Menschen im Dom. Vor allem aber freuen sie sich, dass es jetzt „mit dem neuen Bischof weitergeht.“

Um kurz vor zwölf steigt das Gemurmel noch einmal an, dann wird es still. Dompropst Hans-Bernd Köppen tritt an den Ambo. Er lädt die Menschen zum Angelus-Gebet ein: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft … Gegrüßet seist du, Maria …“. Danach schaut er noch einmal in den Raum. „Wir freuen uns über das große Interesse“, sagt der Vorsitzende des Domkapitels und verrät, dass die Wahl des neuen Bischofs am Dienstag der vergangenen Woche stattgefunden habe. Dann setzt er zu den Worten an, auf die alle warten: „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass der neue Bischof von Münster Bischof Heiner Wilmer ist.“

Applaus und Tränen im Paulusdom

Im Dom erheben sich Jubel und Applaus, die 1.000 Menschen stehen auf. Viele von ihnen lächeln, einige umarmen sich, bei manchen sind sogar Tränen zu sehen – die Erleichterung ist bei den Besuchern spürbar. Das Klatschen hält noch lange an, als der zukünftige Bischof von Münster aus dem Chorraum nach vorne tritt. „Brannte nicht unser Herz“, mit diesen Worten beginnt Bischof Wilmer seine erste Ansprache. Auch ihm brenne das Herz, erklärt er, mit Dank für das Vertrauen der Menschen.

In seiner etwa 15-minütigen Rede spricht Wilmer von Respekt vor der Aufgabe und vor dem, was im Bistum Münster gewachsen sei. Vom Dank gegenüber denen, die für einen neuen Bischof gebetet haben, und dem Dank gegenüber seinem Vorgänger, der rechts hinter ihm bei den Klarissenschwestern im Chorgestühl sitzt. „Lieber Felix, mit großer Sympathie und Dankbarkeit sowie mit Respekt und Ehrfurcht schaue ich auf die Spuren, die du im Bistum hinterlassen hast.“ Applaus brandet auf.

Ein Gegenbild zu Machtmissbrauch

Neben seinen persönlichen Verbindungen ins Bistum Münster, als Kind im Kindergarten und Akkordeonorchester in Hopsten, später Schulseelsorger in Vechta, spricht Bischof Wilmer auch über seinen Bezug zu den wichtigen Persönlichkeiten des Bistums, allen voran zur seligen Schwester Maria Euthymia, zu der der Bischof seit seiner Kindheit eine besondere Beziehung hat. „Schwester Maria Euthymia ist für mich das Gegenbild zu einer Kirche, in der Priester und andere Menschen der Kirche sexualisierte Gewalt verübt und ihre Macht missbraucht haben.“ Noch mehr Applaus.

Wilmers Rede bewegt viele, das ist zu spüren. Vor allem, als dem Bischof selbst kurz die Stimme stockt. „Heute ist für mich auch ein Tag mit einer gewissen inneren Schwere. Hildesheim liegt mir am Herzen.“ Er schluckt. „Sie werden sicher verstehen, dass es mir nicht leichtfällt, all die mir liebgewordenen Menschen zurückzulassen.“ Und weiter: „Alles in allem: Ich bin mir sicher, und ich bin davon überzeugt, dass ich auch hier in Münster Menschen finden werde, die mit mir gehen.“

Ein Segen für den neuen Bischof von Münster

Es ist still im Dom, dann schließt der ernannte Bischof von Münster lächelnd mit den Worten: „Ich freue mich auf Sie! Auf Sie alle!“ Anschließend wird es noch einmal besonders emotional. Bevor er selber die Menschen „im Bistum Münster und im Bistum Hildesheim“ segnet, bittet der Bischof die Menschen im Dom, ihn zu segnen. In Stille strecken die vielen Menschen ihre offenen Hände aus, einige schließen die Augen. Weit länger als einen kurzen Moment. Mit einem kräftig gesungenen „Großer Gott, wir loben dich“ endet die Feier.

Hans-Jürgen Gerdes und seine Frau bleiben noch einen Moment. „Das war wunderbar, eine besondere Stimmung!“, finden sie. „Dass der Vorsitzende der Bischofskonferenz jetzt auch Bischof in Münster wird, das zeigt, dass wir hier eine Bedeutung haben.“ Auch die Frau mit der fliederfarbenen Jacke sitzt noch an ihrem Platz. Ist sie erleichtert, freut sie sich? „Ich werde einfach abwarten, was kommt. Das liegt jetzt in Gottes Hand.“

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