HEILIGSPRECHUNG

Frömmigkeit aus der Mottenkiste? Warum Kritik an Carlo Acutis erlaubt ist

Der Hype um den Jugendlichen, der heiliggesprochen wird, ruft auch Kritik hervor. Warum sie durchaus berechtigt ist.

Als jetzt Papst Franziskus starb, sah man helle Scharen junger Menschen in Rom. Sie waren wegen der Heilig-Jahr-Wallfahrt der Teenager ausgerechnet in dieser Woche in Rom. Der Höhepunkt der Pilgerwoche, die Heiligsprechung von Carlo Acutis, wurde aber aufgeschoben. Im vergangenen Jahr schickte man seine „Herzreliquie“ auf eine Reise durch Europa.

Carlo ist 1991 in London zur Welt gekommen, er war ein Jugendlicher von heute – aber tief religiös. Er starb mit nur 15 Jahren in Italien an Leukämie. Sein Leichnam ist heute in einer Kirche in Assisi in einem gläsernen Sarg aufgestellt, mit Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen bekleidet. Er war fasziniert von sogenannten eucharistischen Wundern, über die er eine Website erstellte. Doch dieser Aspekt seines Lebens wurde vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, jetzt kritisiert, weil viele dieser alten und neuen Wundergeschichten auch judenfeindliche Aspekte haben. Die Kritik kam bei Acutis-Fans nicht gut an.

Doch weist Felix Klein zu Recht darauf hin, dass die Acutis-Verehrung eine belastete Tradition katholischer Frömmigkeit aus der Mottenkiste hervorholt.

Nicht immer glorreiche Vergangenheit

Der Autor:
Markus Gehling ist Pastoralreferent in St. Peter und Paul Voerde mit eigenem Blog auf www.kreuzzeichen.blogspot.com.

Als Katholik, als Seelsorger begegnen mir – nicht selten abseits der offiziellen Kirchenlehre und Theologie – starke Verbundenheiten mit Wundergeschichten, mit Marienerscheinungen und übernatürlichen Botschaften, die mehr oder minder von der Kirche anerkannt oder auch nur ertragen werden. Die Spielarten solcher katholischen Phänomene sind bunt und vielgestaltig. Egal ob Reliquienkult, Marienerscheinungen, eucharistische Wunder, Privatoffenbarungen und überzogene Heiligenverehrung: all das ist sicher nicht der Kern und Mittelpunkt unseres Glaubens. Allenfalls etwas Glitzer im Glaubensalltag.

Wir dürfen das alles mit Liebe ertragen, aber wir müssen es auch einhegen. Zumal, wenn es durchtränkt ist vom Denken einer nicht immer glorreichen Vergangenheit. Persönlich nehme ich selbst wundertätige und weinende Madonnen mit Respekt wahr. Menschen sind auch heute bereit, an Gottes wunderbares Wirken zu glauben. Ich bin aber sicher: In der Verkündigung und Katechese darf all das keine Bedeutung bekommen. Wir brauchen andere Wege, die Botschaft von Menschwerdung, Auferstehung und Erlösung zu bezeugen.

Ich bin sicher, dass Carlo heute im Himmel ist. Den Hype um ihn, das was um ihn und mit ihm geschieht, das darf man kritisch und mit Distanz betrachten. Und bleibt trotzdem ein echter Katholik.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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