KIRCHE+LEBEN-INTERVIEW

Theologe Bauer über Gedenkfeier für Kirk: Glaube, Trauer, Polit-Show?

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Was war authentisch, was instrumentalisiert? Was verbindet Religion und radikale Rechte? Christian Bauer, Pastoraltheologe aus Münster, ordnet ein.

Herr Professor Bauer, wie haben Sie die Trauerfeier für Charlie Kirk wahrgenommen?

Ich habe die Bilder als westlich-liberaler Christ und Mitteleuropäer gesehen – und fand es sehr befremdlich, wie massiv die unbestreitbare Tragödie, das Verbrechen des Mordes an Charlie Kirk, da instrumentalisiert wurde. Der Abend hatte mehr von einem Parteitag als von einer Trauerfeier. Es war der politische Missbrauch einer Tragödie.

Sie betonen, der Mord sei ein Verbrechen, eine Tragödie. Und da ist eine Frau, die nachvollziehbar um ihren ermordeten Mann trauert. Wie bewerten Sie den Auftritt von Erika Kirk?

Wie sie spricht, wann sie leiser wird, Pausen macht, sich Tränen abtupft – ich habe mich auch gefragt, wie stark das inszeniert ist. Ob das echt ist oder ob sie eine gute Schauspielerin ist. Vielleicht beides: Ich fand ihre Aussage, sie vergebe dem Mörder ihres Mannes, durchaus authentisch. Aber das dunkle Framing der Veranstaltung, die politische Instrumentalisierung ist brandgefährlich. Charlie Kirk wird zu Unrecht religiös überhöht.

Wie meinen Sie das?

Christian Bauer, 1973 in Würzburg geboren, ist seit 2023 Professor für Pastoraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Zuvor war er seit 2012 Professor für Pastoraltheologie an der Universität Innsbruck in Österreich.

Bei allem berechtigten Entsetzen über den Mord: Da wird ein Rassist gefeiert. Jemand, der von der Überlegenheit der Weißen überzeugt war. Ein christlicher Nationalist und Anti-Transgender-Aktivist. Es gibt da eindeutige Aussagen von ihm. Das hat mit dem christlichen Evangelium nichts zu tun.

Der New Yorker Kardinal Timothy Dolan vergleicht Charlie Kirk mit dem Völkerapostel Paulus, ein Aktivist bei der Trauerfeier vergleicht ihn mit Moses, der dem Volk den Weg ins Gelobte Land gewiesen und es selbst nicht erreicht habe…

Solche Vergleiche sind theologisch hoch problematisch. Der Gipfel für mich war, dass jemand sagte, Charlie Kirk sei „für uns alle gestorben“. Die Analogie dazu ist Jesus am Kreuz. Es ist eine häretische Gotteslästerung, einen Rassisten mit Jesus zu identifizieren. Für solche Vergleiche fehlt theologisch jede Basis.

Und doch wird immer wieder auf Kirks christliche Werte verwiesen…

Aber bei der Trauerfeier ist das genaue Gegenteil geschehen. Hören Sie sich die Rede von Stephen Miller an, dem stellvertretenden Stabschef von US-Präsident Donald Trump. Durch den Mord an Charlie Kirk sei ein „Drache“ aufgeweckt worden, sagt er. Und dann, mit Anklängen an Joseph Goebbels: „Wir sind der Sturm.“ Oder Trump selbst. Er sagt, er hasse seine Gegner. Das hat er so deutlich selten gesagt. Und das hat mit Jesus nichts zu tun. Wenn dann ein katholischer Bischof wie der jüngst in Münster von der Josef-Pieper-Stiftung ausgezeichnete Robert Barron nach der Trauerfeier von einer erfüllenden „spirituellen Erfahrung“ spricht – da hört für mich jede Toleranz auf.

Wie kommt es zu einer solchen Trauerfeier?

Bei solchen öffentlichen Liturgien überlagern sich viele Interessen. Trauer ist ein Aspekt, aber nicht der einzige. Solche Feiern gehören zur „civil religion“ der USA, bei Europäern lösen sie aber eher Befremden aus. Die Trauerfeier für Charlie Kirk ist zugleich ein Teil der politischen Agenda von Donald Trumps MAGA-Bewegung. Trump selbst ist kein gläubiger Christ. Er betont das Christliche nur, weil er Erfolg damit hat.

Wie bewerten Sie das Geschehen nach dem Mord an Charlie Kirk insgesamt?

Für mich ist das, ohne jemanden verteufeln zu wollen, im Wortsinn diabolisch. Der Teufel – auf Griechisch: der Diabolos – ist der, der alles durcheinander wirft. Genau das ist in der Trauerfeier passiert. Alles geht hier durcheinander: echte Trauer, religiöse Sprache und politische Instrumentalisierung. All das geschieht in einer Beschleunigung, der man sich nur schwer entziehen kann.

Versuche politischer Instrumentalisierung von Religion durch rechtspopulistische und radikale Kreise gibt es auch in Europa. Welche Rolle spielen Kirche und Religion für die radikale Rechte?

Personell sind rechtskatholische und politisch extreme rechte Kreise oft deckungsgleich – erinnern Sie sich, wer alles an der Verleihung des Pieper-Preises an Bischof Robert Barron in Münster teilgenommen hat. Der Einfluss dieser Kreise nimmt auch bei uns zu. Barrons „Word on Fire Foundation“ plant einen Brückenpfeiler in Europa. Ich denke, dass schon heute mehr Theologiestudierende auf der Welt Robert Barron als Karl Rahner lesen. Auch das trägt zu einer Verharmlosung der Ultra-Rechten bei. Denn Charlie Kirk war nicht einfach nur ein konservativer Aktivist, der sich zum christlichen Glauben und zur freien öffentlichen Debatte bekannt hat. Er war ein rassistischer Extremist. Das gehört zur Wahrheit, auch wenn der Mord an ihm ein schreckliches Verbrechen bleibt.

Wie lässt sich verhindern, dass rechtsextreme Narrative wie im Fall Kirk an Einfluss gewinnen?

Zunächst einmal ist es wichtig, dass wir uns von ultrarechten Deutungen nicht anstecken lassen. Dass wir die Beschleunigungs-Dynamik nach Ereignissen wie dem Kirk-Mord nicht mitmachen. Dass wir einen Schritt zurücktreten und genau hingucken: Was ist da passiert? Wer hat was gesagt? Und mit welchen Interessen wird versucht, diese Aussagen zu deuten? Theologisch kann man das die „Unterscheidung der Geister“ nennen. Daraus wird dann ein robustes Eintreten für die wirkliche Botschaft Jesu erwachsen – und nicht für dunkle Unheilsbotschaften einer vermeintlich christlichen Rechten, die nur dessen Namen im Mund führt, um ihre spalterische Agenda durchzusetzen.

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