In Deutschlands zweitgrößtem Wallfahrtsort Kevelaer endet dieser Tage die Saison. Christian Breuer sieht trotz Kirchenkrise Potenzial im Pilgern.
Es sind kleine Lichter der Bitte, des Dankes, der Hoffnung: Auch wenn in diesen Tagen das Pilgerjahr in den Wallfahrtsorten des Bistums endet, werden in den Kirchen und Kapellen weiterhin Tag für Tag Kerzen entzündet, oft verbunden mit einem kurzen Gebet. Eine lange Tradition, wie nicht nur das 375-jährige Bestehen der Kerzenkapelle in Kevelaer beweist, das in diesem Jahr gefeiert wurde.
In der Wallfahrt zeigt sich das ganze Spektrum unseres Glaubens. Da treffen die, für die traditionelle Prozessionen und Weihrauch ein wichtiger Bestandteil des Ritus' sind, auf Menschen, die nichts mit der Kirche zu tun haben – und dennoch, vielleicht sogar nur unterbewusst, Sehnsucht haben nach Trost und (Gottes-)Begegnung. Da sind die, die weite Strecken zu Fuß laufen, um den Pilgerort zu erreichen, und andere, für die schon das Anzünden der Kerze das Ziel ihres persönlichen Pilgerns ist. Sie alle dürfen sich in den Wallfahrtsorten willkommen fühlen.
Pilgern im Wandel
Der Autor
Christian Breuer (Jahrgang 1977) ist Redakteur in der Pressestelle des Bistums Münster und lebt am Niederrhein.
Die Art des Pilgerns ist im Wandel. Weg von den großen Gruppen, hin zu individuellen Besuchern, die sich nicht in den Pilgerbüros anmelden und in keiner Statistik auftauchen. Und die doch erleben, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten, ihren Bitten und ihrem Dank nicht alleine sind. Weil die eigene Kerze inmitten der Kerzen anderer Menschen brennt, die sich auch alle mit ihren Anliegen an Gott gewandt haben. Schon allein diese Erkenntnis kann Trost spenden, weil beim Anblick der Kerzen offenbar wird, dass man mit seinen Fragen und Wünschen nicht alleine ist. Und dass viele andere Menschen die Hoffnung haben, mit ihrer Kerze, ihrem Gebet, ihrer Wallfahrt etwas bewirkt.
Traktor-Fahrer und Biker
Egal, ob Anhänger traditioneller Riten, ob Traktor-Fahrer, Karnevalist oder Biker: Alle Pilger, die in den Wallfahrtsorten eine Kerze entzünden, verbindet, dass sie nicht nur Hoffnung haben, sondern ihrer Hoffnung ein sichtbares Zeichen setzen. In einer Welt, in der Resignation und Hoffnungslosigkeit Oberhand zu nehmen scheinen, macht das Mut: Es gibt noch Hoffnung! Und sie verbindet!
Die nordwestdeutschen Wallfahrtsorte haben für das kommende Jahr als ihr Motto den Leitspruch des Heiligen Jahres übernommen: „Pilger der Hoffnung“. Das ist ein gutes, ein wichtiges Motto. Weil es uns alle einlädt, als „Pilger der Hoffnung“ unterwegs zu sein und in persönlichen Begegnungen, im eigenen Handeln oder beim Entzünden einer Kerze sichtbare Zeichen der Hoffnung in die Welt zu setzen.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.