Sie gilt als die größte Geschichte aller Zeiten. Sogar das Privatfernsehen hat sie entdeckt. Die Passion Jesu bewegt bis heute.
Unglaublich, wie viele Menschen sich von etwas einholen lassen, von dem man meint, sie hätten durch die fortschreitende Säkularisierung und die Talfahrt der christlichen Kirchen eine ungeheure Distanz zu Glauben und Heiliger Schrift aufgebaut. An von den Kirchen organisierten Prozessionen und Kreuztrachten nähmen sie wohl kaum teil, die sie häufig seit Jahrzehnten kein Gotteshaus mehr von innen gesehen haben.
Da stellen sich jedoch zahlreiche Frauen und Männer einem Aufruf „Kreuzträger gesucht!“ Sie müssen folgende Bedingungen erfüllen: Sie sind über 18 Jahre alt? Sie sind zwischen 1,70 und 1,85 Meter groß? Sie haben am 15. und 17. April zwischen 15 und 23 Uhr Zeit? Sie sind körperlich gesund und in der Lage, das Kreuz zusammen mit anderen Kreuzträgern zu tragen? Ferner wurden Statisten, Mitgeher und Mitsänger gesucht. Mit einem besonderen Anforderungsprofil konnten sich Frauen und Männer bei der niederländischen Rundfunkgesellschaft KRO-NCRV bewerben. Sie überträgt seit 2010 jährlich eine musikalische Passionssendung, mit unglaublichem Echo und riesiger Teilnahme.
Sehleute und Schaulustige
In der 15. Auflage findet in der diesjährigen Karwoche das Mega-Event in Terneuzen, Provinz Zeeland, statt. In Deutschland gab es 2022 in Essen und 2024 in Kassel die Passion als RTL-Live-Show auf Vorlage des niederländischen Formats, das mit Prominenten als biblische Figuren, Liedern und einem Moderator die Passionsgeschichte erzählt. Das Besondere daran ist der Transfer der alten biblischen Geschichte über die letzten Tage Jesu in die Moderne.
Die Hauptdarsteller und Mitakteure treten in heutigem Dress auf. Die Teilnehmer der Show erleben die damaligen Ereignisse als Menschen des 21. Jahrhunderts. Modernes Liedgut wird verwendet. Begleitet von Reportern tragen Menschen ein sechs Meter langes, hell illuminiertes Kreuz und erzählen von ihrem Weg zu Gott, ihren Leiden und Freuden, über Gebete und Gotteserfahrungen. Aus Sehleuten und Schaulustigen werden Teilnehmende.
„Ich bin bei dir“
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Ein Jesus-Darsteller meinte später im Interview: „Diesen Glauben muss ich erstmal mit mir klären und dann kann ich auch wieder in die Kirche. ... Das ist wie mit der Liebe, weißt du. Man muss sich erstmal selber lieben und dann kann man jemand anderes lieben.“ Er schloss nicht aus, den verlorenen Zugang zur Kirche doch wieder zu finden: „Ich glaube nicht, dass es mein letztes Wort war.“ Ein deutscher Moderator, Thomas Gottschalk, meinte, die Geschichte und ihre Botschaft von Nächstenliebe und Hingabe gehe jeden Menschen etwas an. Die Leidensgeschichte Jesu lädt jeden und jede ein, sich selbst darin wiederzufinden. Sie sei die „größte Geschichte aller Zeiten“, der sich ein säkulares Publikum nähern könne, für das sie wieder ins Bewusstsein geholte wurde.
Das diesjährige Thema von „The Passion“ im niederländischen Terneuzen ist „Ik ben bij je“ = „Ich bin bei dir.“ Für die Organisatoren ist dieses Thema angesichts der politischen Spannungen, sozialen Fragen, Kriegen und Konflikten in dieser Welt aktueller denn je. Nicht nur auf der Weltbühne, sondern auch im persönlichen Leben der Menschen spielen Einsamkeit, Armut und psychische Probleme eine große Rolle. In einer Zeit, in der das Zusammengehörigkeitsgefühl zu schwinden scheint, ist es wichtiger denn je, diese Worte zu sprechen und zugesprochen zu bekommen.
Glauben wir aneinander?
„The Passion“ ist eine symbolische Reise zur Darstellung der letzten Augenblick im Leben Jesu. Für die Mitgehenden ist sie ein Moment der Besinnung, gleichzeitig fordert sie jeden auf zum Nachdenken über die Schwierigkeiten und Herausforderungen des Lebens. Wie gehen wir mit ihnen um? Kümmern wir uns genug um andere, die leiden? Glauben wir noch aneinander? Es wird immer wichtiger, die eigene Stimme zu erheben und es selbst zu hören „Ich bin bei dir.“ Kirchen in den Niederlanden fordern ihre Gemeinden auf, am Gründonnerstag „The Passion“ in einem öffentlichen Raum live mitzuerleben und die Ostergeschichte mit anderen Menschen zu diskutieren.
Das Thema „Passion“ lässt Künstler, Filmemacher, Komponisten und Autoren nicht los. Die Geschichten von seinem Leiden und gewaltsamem Sterben nehmen bereits in den Evangelien breiten Raum ein. Die Passionszeit ist eine Intensivphase innerhalb der Fastenzeit mit dem Grundanliegen, das Geschick Jesu ins Heute zu holen und sich persönlich damit auseinanderzusetzen.