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Bischof Felix Genn hat am Silvestermorgen traditionell in Münsters Lambertikirche gepredigt. Wir dokumentieren deren Wortlaut.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Wir stehen wieder am Ende eines Jahres, das von Leid, Elend und schlechten Nachrichten, aber durchaus auch von Hoffnungszeichen geprägt ist. Wir stehen am Übergang zu einem Jahr, auf das wir mit Sorge und Spannung blicken. Was wird aus den USA, was wird aus der EU, in der mehrere Länder keine Regierung haben und der Populismus auf dem Vormarsch ist, nicht zuletzt auch in unserem Land? Wir denken auch daran, dass der Ukraine-Krieg nun schon viele Jahre währt. Es sind nun schon zehn Jahre, dass Russland in der Ukraine mordet. Im so genannten Heiligen Land, das wir im Augenblick eher als Unheiliges Land bezeichnen müssen? Und wie wird sich die Situation in unserem Land entwickeln, wenn wir an die Wahlen im Februar denken?
Ich muss sagen, dass ich mit Sorge auch auf die politischen Entwicklungen schaue, die sich in unserer Gesetzgebung zeigen, wenn nämlich die derzeitige Regierung noch in letzter Minute eine rechtliche Regelung des Schwangerschaftsabbruches durchsetzen will, die ebenso wenig wie das Transplantationsgesetz mit unserem Menschenbild übereinstimmt. Ich gestehe offen, dass ich es sogar als empörend empfinde, wenn in letzter Minute solch wichtige Fragen unseres Lebens „durchgeboxt“ werden, so wie ich es jedenfalls wahrnehme. Dabei ist es so dringend notwendig, die Dinge bis auf den Grund zu durchdenken, oder, um es mit einem Wort aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, freilich in einem anderen Zusammenhang ausgesprochen, zu sagen: „Nicht an der Oberfläche der Dinge stehen zu bleiben, sondern ihre geistigen Hintergründe aufzusuchen.“ (FAZ, 01.11.2024, Titelseite.)
Falsche Krähe
Liebe Schwestern und Brüder, ja, gerade auch um das tiefere Schauen auf die geistigen Hintergründe kommt es an. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder versucht, bei den Ansprachen zum Jahresschluss genau darauf hinzuweisen. Nachrichten kommen sekündlich an. Meinungen, Gefühle und Tweets sind doch oft nur das, was es übersetzt bedeutet: „Gezwitscher“. Wobei sich manches Vogelgezwitscher als falsche Krähe erweist. Hass ist bekanntlich keine Meinung, aber für manche ist Hass zur Haltung geworden. Angesichts der rasanten Entwicklung der Technik verbreiten Computer selbständig Meldungen und Propaganda. Was uns zur Kommunikation dient, verkehrt sich oft ins Gegenteil.
Jedoch ändern wir Dinge nur, wenn wir unter die Oberfläche schauen, nach dem Grund der Dinge fragen, nicht anprangern, sondern Abhilfe schaffen. Ich denke, dass wir hier als Christinnen und Christen eine besondere Aufgabe haben, auch in den vielen Gesprächen, die wir am Arbeitsplatz, beim Stammtisch oder in Gruppen und Gremien führen. Das gilt übrigens auch für unsere Kirche, in der wir manchmal leicht geneigt sind, mit schnellen Regelungen, selbst wenn sie dringlich erscheinen, kurzatmig zu bleiben.
Zeugnis vom Gott des Lebens
Bei der Flut der Informationen sind wir gar nicht mehr in der Lage aufzunehmen, was es alles an guten und vernünftigen Gedanken gibt, die uns helfen, zu einem rechten Urteil zu finden. Um noch einmal auf die Gesetzgebung der letzten Wochen zu schauen: Ich empfehle dringend, die Stellungnahmen, die von Seiten der Bischofskonferenz zu den Fragen des Schwangerschaftsabbruchs und auch der Transplantationsgesetzgebung gegeben wurden, zu studieren, um zu einem guten und ausgewogenen Urteil zu finden. Jeder von uns hat die Möglichkeiten, in den sozialen Medien Zeugnis vom Gott des Lebens zu geben. Ich kann mich hier nur darauf beschränken, auf diesen oder jenen Aspekt hinzuweisen, der vielleicht auch eine Orientierung für dieses Jahr in vielerlei Hinsicht geben kann. Dabei gehe ich immer davon aus, dass uns die Verkündigung dieses Gottesdienstes Jahr für Jahr den Johannesprolog ans Herz legt, in dem in großartiger Weise, wie wir es bereits Weihnachten bedacht haben, verkündet wird, dass Gott Wort ist und ein Wort für uns hat, das in der Gestalt Jesu von Nazareth Fleisch wurde, so dass wir an ihm ablesen können, wie Leben zu gestalten und zu entwickeln ist.
Ich halte zunächst einmal hier inne. Dieses Jahr 2025 ist ein Jahr des Gedächtnisses an ein Ereignis vor 1700 Jahren. Damals hat sich, einberufen durch den Kaiser, der den Zusammenhalt seines Reiches durch eine einheitliche Religion sichern wollte, in einem kleinen Ort in der vorderen, heutigen Türkei ein Konzil ereignet, das fundamental für die gesamte Christenheit wurde. Es ging nämlich um die Frage, wer dieses Wort, das in Jesus Fleisch geworden ist, wirklich ist: Ob es ein guter und besonders herausragender Mensch war, oder ob Gott selber in diesem Menschen Jesus von Nazareth einer von uns geworden ist, so dass er nicht nur Gott-ähnlich, sondern Gott-gleich ist, gewissermaßen Gott als der Sohn unter uns gelebt hat. Das ist keine Kleinigkeit, weil nämlich davon abhängt, ob wir uns wirklich bei aller Bedrängnis als Erlöste wissen dürfen, weil Gott nämlich in diesem Jesus von Nazareth dann auch hinabgestiegen ist in die Abgründe des Todes und uns gewissermaßen entgiftet hat von diesen Mächten des Todes, so dass wir bei allem Kriegstreiben wissen dürfen, dass nicht durch Gewalt und nicht durch Macht, sondern durch die Kraft dieses Geistes (vgl. Sach 4,6) die Welt gerettet werden kann.
Mir sind heute Morgen dafür drei Aspekte besonders betonenswert:
Erstens: Durch die Ansprache von Papst Franziskus vor der Universität Löwen Ende September dieses Jahres bin ich auf ein Wort aus dem ersten Buch der Chronik gestoßen, in der ein Mann namens Jabez zu Gott sagt: „Möchtest du mich segnen und mein Gebiet erweitern“ (1 Chr 4,10). (Die Ansprache von Papst Franziskus findet sich OR, 04.10.2024, Seite 8.)
Papst Franziskus deutet zunächst einmal den Namen Jabez als ein Schmerzens-Wort. Jabez heißt wörtlich „Er macht Schmerzen“. Er wurde so genannt, da seine Mutter bei seiner Geburt viel gelitten hatte. Aber dieser Jabez möchte nicht in seinem Schmerz verschlossen bleiben, sondern er bittet darum, dass Gott das Gebiet seines Lebens erweitert, damit er in einen größeren gesegneten Raum eintreten kann. Ich finde, dass wir in diesem Wort von der Erweiterung der Grenzen uns selber wiederfinden dürfen.
Erfahrungen der Weltsynode
Es geht darum, dass wir uns in den vielen Sorgen des Alltags, die wir mit Recht zu bewältigen haben, nicht begrenzen und damit den Horizont eng ziehen, da es so viele Möglichkeiten gibt, den Horizont zu erweitern und auf die geistigen Zusammenhänge zu achten, in denen bestimmte Parolen, sicherlich auch demnächst im Wahlkampf, mehr leeres und hohles Gerede verbreiten als substantielle Aussagen zu machen. Das gilt auch für unsere kirchliche Situation.
In der Synode, an der ich im Oktober teilnehmen durfte, ist mir bewusst geworden – durch das Gespräch in den Gruppen, in denen ich über meinen deutschen Horizont hinausgeführt wurde in große weltkirchliche Bezüge –, dass sich im intensiven Hören noch einmal ganz neue Dimensionen eröffnen, die weiter sind als es unsere manchmal deutlich engen deutschen Befindlichkeiten beinhalten. Dazu gehören auch die intensive Diskussion um alle so genannten „heißen Themen“, bei denen wir leicht geneigt sind, zu kurzfristigen Lösungen zu kommen, weil wir damit glauben, die Krise in unserem Land zu retten und wieder viel mehr Menschen anzusprechen. Es bedarf dazu viel tieferen Bohrens und Grabens, vor allen Dingen aber auch der Erweiterung des eigenen Horizontes in den Raum eines viel umfassenderen Hörens, damit der Geist mir ermöglichen kann, auch im Bruder und in der Schwester, die mir zunächst einmal fremd sind, etwas zu offenbaren, was meinen eigenen Horizont deutlich ausdehnt.
Heiliges Jahr
Als zweiten Punkt möchte ich darauf hinweisen, dass alle 25 Jahre, so auch dieses Jahr 2025, als so genanntes „Heiliges Jahr“ gefeiert wird. Der Brauch stammt ja aus dem Judentum, wo alle 50 Jahre ein Jubeljahr gefeiert wurde, in der Schuld nachgelassen, Sklaven freigelassen wurden, auch die Natur ruhen konnte, um durch Ruhe neue Kräfte in den Ackerböden zu entwickeln. Dieses „Heilige Jahr“ hat Papst Franziskus unter die Thematik „Pilger der Hoffnung“ gestellt. Wie sollen wir angesichts dieser Welt und dieser Weltlage hoffen dürfen und hoffen können? Aber hier erweist sich die Kraft unseres Glaubens daran, dass Gott tatsächlich in diesem Jesus von Nazareth Mensch geworden ist. Als Gegenbild erzähle ich die Geschichte eines Pallotinerpaters, der vor Kurzem in einer Gemeinde in unserem Land die Kreuze in den Pfarrsälen abhängen ließ, weil er sie für unbedeutend hielt und dann bekannte, dass er an diesen Jesus nicht glauben könne, sondern dass dieser Jesus für ihn nur ein außergewöhnlich ethisch wertvoller Mensch gewesen ist, aber nicht die Offenbarung Gottes selbst. Bis in unsere Zeit, ja vielleicht bis in unsere eigenen Herzenswinkel hinein hat sich durchaus der Zweifel gehalten, dass die Botschaft des damaligen Konzils von Nicäa, das das Zeugnis der Schrift bestätigte, je neu errungen werden muss. Aber allein aus dem Glauben daran, dass Gott selber die Welt in ihrem Kern von der Macht des Bösen entgiftet hat, ist Hoffnung möglich.
Am Anfang des vergangenen Jahrhunderts hat der Franzose Charles Péguy, der vom Sozialismus sich zum Christentum bekehrt hatte, ein wunderbares Gedicht verfasst mit dem Titel: „Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung“. (C. Péguy, Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung, Einsiedeln 1980, Reihe Christliche Meister 9.) Dort schreibt er, indem er Gott selber sprechen lässt: „Die Hoffnung, das verwundert mich wirklich. Mich selber. Das ist wirklich erstaunlich. Dass diese armen Kinder sehen, wie das alles zugeht, und dass sie glauben, morgen gehe es besser. Das ist verwunderlich, und das ist entschieden das größte Wunder unserer Gnade. So dass es mich selber verwundert. In der Tat muss meine Gnade doch eine unglaubliche Kraft besitzen. Was mich wundert, sagt Gott, das ist die Hoffnung. Da komme ich nicht mit. Diese kleine Hoffnung, die nach gar nichts aussieht. Dies kleine Mägdlein Hoffnung. Unsterblich.“ (Ebd. 5.9.10.)
Putin, Trump, Xi und Assad
Stimmt das nicht wirklich? Wir Menschen dürfen unser Leben als Pilgerschaft begreifen, die auf ein Ziel zugeht, und deshalb können wir uns von der Hoffnung stärken lassen. In dieser von Kriegen und Krisen zerrütteten Welt, in dieser Welt, die manchmal nur noch wie ein Chaos aussieht, unterwegs zu sein und zu bleiben als Menschen, die anderen vermitteln, dass Gott mit seiner Gnade das Unmögliche bewirken kann, ist unser Zeugnis: Dass er diese Welt in seinen Händen hält, und dass die Macht des Bösen entkernt ist und deshalb weder die Putins noch die Trumps noch die Xis noch die Assads noch die Erdogans das letzte Wort behalten, sondern der auferstandene Christus mit der Kraft seiner unsterblichen Liebe kann die Welt retten. Darauf kommt es an, und das können wir nur, wenn wir nicht an der Oberfläche bleiben, sondern auf die Tiefe schauen.
Drittens: Deshalb wage ich es auch, noch einen dritten Punkt zu nennen, obwohl das vielleicht etwas unsere Zeit überzieht. Aber es ist mir wichtig geworden, nachdem ich das letzte Lehrschreiben von Papst Franziskus gelesen habe. Bisher ist er bekannt geworden durch seine Enzykliken über die Bewahrung der Schöpfung und über die christliche Geschwisterlichkeit. Jetzt hat er am Ende der Synode, sicherlich nicht ohne Absicht diesen Termin wählend, eine Enzyklika verfasst, die mit den Worten beginnt: „Er hat uns geliebt“ – Dilexit nos. Das Sprechen über die Bewahrung der Schöpfung und über die Geschwisterlichkeit hat ihren tiefen Grund darin, dass Gott uns geliebt hat mit der Kraft seines Herzens und dass es deshalb wichtig ist, wie Franziskus betont, „die Bedeutung des Herzens wieder neu zu entdecken.“ (Enzyklika Delexit nos, Nr. 2.) Mit einem Wort fasst er das zusammen, was ich Ihnen heute Morgen vorgestellt habe: „Anstatt nach oberflächlichen Befriedigungen zu suchen und den anderen etwas vorzuspielen, ist es besser, wichtige Fragen aufkommen zu lassen: Wer bin ich wirklich, was suche ich, welchen Sinn will ich meinem Leben, meinen Entscheidungen oder meinen Handlungen geben, warum und wozu bin ich auf dieser Welt, wie will ich mein Leben bewerten, wenn es zu Ende geht, welchen Sinn will ich allem, was ich erlebe, geben, wer will ich vor den anderen sein, wer bin ich vor Gott. Diese Fragen führen mich zu meinem Herzen.“ (Ebd. 8.)
“Liebe wird, wenn wir sie tun”
Liebe Schwestern und Brüder, das mag alles schwach und klein wirken und sich anfühlen. Aber das passt genau zu Weihnachten, wo wir die Menschwerdung Gottes in einer Krippe feiern. Es passt zu Weihnachten, wo wir erleben, dass die Botschaft dieses Festes zuerst Menschen am Rande verkündet wird, wie es die Hirten waren. Aber das alles war nur möglich sich zu verbreitern, weil, um es mit Karl Rahner zu sagen: „Das Innerste der Wirklichkeit die Liebe ist.“ (Ebd. 16 mit dem Verweis auf Karl Rahner.) Und von dieser Liebe wird die Hoffnung geprägt, wird Politik in einer menschenwürdigen Weise möglich, und ist tatsächlich in dieser Welt auch durch uns Friede aufzubauen. Liebe wurde, weil Er Mensch wurde. Liebe wird, wenn wir sie tun.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und allen, denen Sie verbunden sind, unserer Stadt und unserem Land und der Kirche insgesamt ein gesegnetes, friedvolleres Jahr 2025! Ich tue dies gerne auch im Namen meiner Mitbrüder: Ein glückseliges Neues Jahr! Amen.