Und wenn diese Zeiten die „große Drangsal“ sind, von der das Ende des Kirchenjahres spricht? Apokalypse-Experte Gregor Taxacher sagt nicht nein.
Gewaltige Wetterkatastrophen, Vulkanausbrüche und Erdbeben, das Erstarken böser Mächte, Kriege, Vertreibung, Hunger – dazu Lügen, die als Wahrheit verkauft werden: Es ist ganz schön düster in unserer Welt. Sie als Mensch wie ich, Herr Taxacher: Packt Sie zurzeit auch so ein merkwürdig beklemmendes Gefühl von Weltuntergangsstimmung?
Von Mensch zu Mensch gedacht, geht es mir nicht anders als vielen. Die ökologische Krise und darüber nachzudenken – das begleitet mich schon lange. Genauso lange kenne ich das schlechte Gefühl, ob wir politisch, ökonomisch und ökologisch noch rechtzeitig die Kurve kriegen. Dazu kommen politisch Gespenster zurück, von denen man dachte, sie wären zumindest in Europa verscheucht oder doch einigermaßen gebannt. Das bedrückt und verunsichert mich. Und zugleich gibt es diese Diskrepanz, dass ich mich im persönlichen Leben wohlfühle, und ich gar nicht weiß, ob ich mich beim Spazierengehen des milden Wetters und blauen Himmels erfreuen soll oder doch eigentlich den Klimawandel beklagen muss.
Nun sind Sie Apokalypse-Experte. Also: Ist das Ende der Welt nahe?
Kommt darauf an, was man unter „Welt“ versteht. Selbst wenn es so sein sollte, dass auf die Menschheit eine lebensbedrohliche Katastrophe zukommt, wird dieser Planet und wahrscheinlich sogar Leben auf ihm weiterbestehen. Die apokalyptischen Texte der Bibel haben ja nicht naturwissenschaftlich gedacht, auch nicht in einem heutigen Sinn „modern“ oder planetarisch. Darum darf man aus ihnen auch nicht, wie das Fundamentalisten tun, Vers für Vers vorgezeichnet lesen, was wir heute Fürchterliches erleben. In den Texten geht es nicht einmal um den Weltuntergang, sondern um die politischen, ökonomischen, zivilisatorischen Verhältnisse.
In dieser Hinsicht stehen wir offensichtlich in einer tiefen Krise und vor einem großen Bruch. Ob dieser Bruch so brutal wird, dass die Zivilisation, wie wir sie kennen, zusammenbricht – das wissen wir nicht. Aber das Apokalyptische an der gegenwärtigen Situation ist, dass die Möglichkeit dazu besteht – und dass wir real von dieser Möglichkeit wissen. Dazu muss man nicht mal religiös sein oder apokalyptische Texte lesen. Es genügen die Daten, die uns Naturwissenschaftler und Gesellschaftswissenschaftler unterbreiten. Seit der Atombewaffnung hat die Menschheit die Apokalypse selber in der Hand. Das macht die alten Texte wieder so aktuell: Wir werden darauf gestoßen, dass uns die Apokalypse in einer Weise auf den Leib rückt, wie sich das religiöse Generationen vor uns nie haben vorstellen können.
Zum Ende des Kirchenjahrs in diesen Tagen und bis in den Advent hinein ist auch im Gottesdienst immer wieder vom „Ende der Tage“ und dem „Ende der Zeit“ die Rede. Auch von der „großen Drangsal“ und vom „Tag des Zorns“. Ist sie da wieder, die „Drohbotschaft“ der Kirche, die uns Angst machen will?