Was tun angesichts der Macht der Digital-Oligarchen? Lars Rademacher, Experte für Medientechnologie und -ethik, zu Chancen des Papstes – und Europas.
Herr Professor Rademacher, die „KI-Enzyklika“ von Papst Leo XIV. hat zumindest medial große Aufmerksamkeit erhalten. Wie überraschend finden Sie das?
Gar nicht überraschend. Der Papst hat sich das wohl aktuellste Thema in Wirtschaft und Gesellschaft vorgeknöpft und stößt damit mitten hinein in sehr viele laufende Debatten.
Wie bewerten Sie als Medienethiker das Lehrschreiben?
Ich finde es ausgewogen und gerade in der Einschätzung der technologischen Bedingungen und Voraussetzungen erstaunlich tiefgehend. Man merkt dem Lehrschreiben an, dass der Papst sich intensiv hat beraten lassen und Wert darauf gelegt hat, auf der Höhe der technischen Entwicklungen und Möglichkeiten zu sein. Ich sehe da zum Beispiel auch einen Kontrast zu anderen Stimmen, etwa der des Philosophen Peter Sloterdijk, der sich da kürzlich ganz entspannt gab: Auch Lesen und Schreiben seien schon Formen künstlicher Intelligenz gewesen … Da ist die Sicht des Papstes deutlich präziser nach meiner Auffassung.
Papst Leo verurteilt KI nicht grundsätzlich, warnt aber nicht zuletzt vor den Mächten von Tech-Milliardären dahinter. Wie konnte es zu diesem gewaltigen Einfluss Einzelner auf die Menschheit kommen?
Ich habe dazu neulich eine ganz wunderbare Herleitung gehört, die unser neuer Honorarprofessor Erik Flügge in seiner Antrittsvorlesung vorgelegt hat: Er argumentiert, dass Macht (mit Foucault) nichts ist, was man besitzen könne, sondern etwas, das sich über den Vollzug entfaltet. Auf KI trifft das aber nicht zu: Erstmals in der Geschichte erleben wir, dass Menschen etwas geschaffen haben, in dem sich Macht einfach ballt. Wer die KI hat, hat die Macht. Und weil das so ist – und das sieht der Papst genau richtig – macht er das jetzt auch zum Thema. Denn es kommt darauf an, das herrschende Paradigma der jetzt führenden KI-Systeme zu durchbrechen, die eigentlich alle gleich funktionieren. Und diesen müssen dann andere Paradigmen entgegengestellt werden: solche, in denen ethische Standards wichtig oder dominant sind, Fragen des Umgangs mit Schwachen und Armen, mit Fragen der Gerechtigkeit etc.
Was können da die Worte eines Papstes bewirken?
Zur Person
Lars Rademacher ist Medienwissenschaftler und Theologe und lehrt seit 2014 an der Hochschule Darmstadt zu Onlinekommunikation, Medientechnologien und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Medien- und Wirtschaftsethik, Desinformation und die Rolle der Kommunikation in gesellschaftlichen Transformationsprozessen.
Ich habe den Eindruck, dass Papst Leo – zwar anders als Franziskus, diesem aber auch in gewisser Hinsicht ähnlich – sich damit noch deutlicher als ein politischer Papst zu erkennen gibt, der sehr wohl auf einer Weltbühne agiert, sich aber auch zu fachlichen Themen äußert, die den Menschen und seine künftigen Lebensbedingungen zutiefst betreffen. Und damit trifft er aktuell einen Nerv, in einer Zeit, in der so viele Orientierungsgrößen ins Wanken geraten sind: Ost/West, links/rechts, Freund/Feind. Und da suchen die Menschen natürlich nach klaren Orientierungsgrößen. Eine solche kann der Papst sein, weil viele andere Stimmen eher weggefallen sind oder sich selbst entzaubert haben. Das macht den Papst als Amt, als Mahner und normative Kraft sogar noch bedeutsamer als in der Vergangenheit.
Wie nehmen Sie das wahr: Wie wird die Enzyklika in Wissenschaft und Politik wahrgenommen? Gibt es da mehr als freundliche Zustimmung?
Es ist erstmal ein Beitrag zur laufenden Debatte, der selbst in Kreisen von Tech-Nerds auf sehr offene Ohren gestoßen ist. Gerade dass wichtige KI-Entwickler mit am Tisch saßen, wird hier als deutliches Signal gewertet. Wie stark der Einfluss auf die weitere Entwicklung ist, bleibt abzuwarten. Da sollte man einen einzelnen Beitrag, auch selbst einen des Papstes, auch nicht überbewerten.
Nicht nur KI, sondern im Prinzip die gesamte digitale Welt wird offenbar vor allem von Firmen und Organisationen in den USA, China und Russland (?) gesteuert, worüber nicht zuletzt etwa auf der Re:Publica, der größten Digital-Konferenz Europas in Berlin, viel diskutiert wurde. Wie gefährlich ist das?
Wir haben es mit einem Oligopol zu tun. Und das ist nie besonders vorteilhaft, wenn man selbst daran nicht beteiligt ist. Ich habe aber schon den Eindruck, dass die politische Entwicklung der letzten zwölf bis 24 Monate die Menschen zunehmend sensibel macht dafür, dass ihre Daten und Services primär in den USA und China gesammelt werden. Bei uns an der Hochschule kommt gerade der Impuls sogar aus der Studierendenschaft, die dazu drängt, eher Systeme zu nutzen, die ihre Daten auf europäischen Servern und nach DSGVO halten.