SICHTWEISEN

Adieu

Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - von Jan Magunski

Abschiedlichkeit und Vergänglichkeit verbinden sich im Herbst - besonders, wenn es auf Allerheiligen und Allerseelen zugeht. Wie tröstlich, wenn Gott da Heimat und Gruß ist.

Der Herbst ist immer auch eine Zeit des Abschiednehmens: von den langen, warmen Sommertagen und der herrlich luftigen Kleidung, von den Zugvögeln, die nach und nach in den Süden aufbrechen, von den Blättern an den Bäumen und dem Farbenreichtum der Natur, die zum Abschied noch einmal alles gibt, - aber auch von lieben Menschen, die wir beerdigen mussten und in den kommenden Tagen nur noch auf dem Friedhof besuchen können.

Tschüss, ciao, servus, bye bye - es gibt viele Arten, Lebewohl zu sagen, und einige sind schon vor Jahrhunderten im Deutschen aus anderen Sprachen übernommen worden.

“Zu Gott”

So war das kleine Wörtchen „Adieu“, das man um 1600 aus dem Französischen entliehen hatte, bis 1914 das am meisten verbreitete Abschiedswort im damaligen Deutschland. Aber was lange Zeit einmal weltmännisch, polyglott und universal klang, wurde spätestens in dem Jahr, in dem der Erste Weltkrieg begann, als Sprache des vermeintlich alten und neuen Erzfeinds Frankreich verpönt: Echte Nationalisten wollten es damals nicht mal mehr in regionalen Formen gelten lassen wie etwa in „Ade“.

Für alle Nicht-Frankophonen die kurze Erklärung, dass der Abschiedsgruß, der im Spanischen „Adios“ und im Portugiesischen „Adeus“ ein entsprechendes Pendant hat, eigentlich aus zwei Wortbestandteilen besteht: aus der Präposition „a“ und dem Nomen „Dieu“, was übersetzt heißt: „zu Gott“.

Gruß und Wunsch

Von daher war dieser Abschiedsgruß vor allem ein Abschiedswunsch: Der Wunsch an den Adressaten, er möge auf seinen Wegen behütet und beschützt bleiben, und sie mögen ihn letzten Endes immer zu Gott führen.

In gewisser Weise ähnlich ist dem der Gruß und Auftrag „Grüß Gott“, den wir bis heute vor allem in den Alpenländern kennen.

Als ich zu Beginn der Neunzigerjahre für ein Jahr in Innsbruck in Tirol studiert habe und am Wochenende in die Berge ging, war es noch selbstverständlich, dass man sich auf den Wanderwegen entsprechend grüßte: ein freundlicher Zuspruch, ein Zeichen der Verbundenheit und die stille, unausgesprochene Übereinkunft: Alle Wege führen einmal zu Gott.

Verrennen statt vertrauen

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Mittlerweile wird dieser Gruß immer weniger praktiziert - vielleicht auch ein Symbol für die Säkularisierung unserer Welt, die den Himmel immer mehr aus dem Blick, aus dem Denken verliert!? Für die weitverbreitete Ichbezogenheit so vieler Zeitgenossen, die sich in irdischen Winzigkeiten und flüchtigen Kurzfrist-Zielen verrennen statt die Augen zu heben und dem Himmel zu vertrauen, sich von seiner Weite leiten und tragen zu lassen?

Mir hat die Vorstellung immer gut getan, dass eines Tages nicht eine enge Holzkiste in einem dunklen Erdloch das Ziel meiner Lebensreise ist, sondern der Himmel, in dem Gott auf mich wartet. Mich hat es getröstet, jenseits aller naturwissenschaftlichen Vorstellungen daran zu glauben, dass Christus als Erster von uns allen aufgefahren ist: in die Heimat, in die auch wir mit unserem Ableben auf dieser Erde eingehen werden. Mich hat es getröstet, dass allem Schmerz des Abschiednehmens auch eine Verheißung und neue Perspektive innewohnt.

Ja, es hat mich getröstet, dass die große Frage des Petrus – „Wohin sollen wir gehen, Herr?“ -, die er einmal stellvertretend für die ganze Menschheit gestellt hat, die unser ganzes Leben und Sterben umfasst, in einem einzigen Wort längst beantwortet ist: „Wohin sollen wir gehen?“ - „a-Dieu“: „zu Gott“.

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