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Die sinkende Priesterzahl gefährdet die Seelsorge akut. Jetzt braucht es kreative Lösungen der Bischöfe und in Rom, fordert Theologe Ulrich Lüke.
Mit immer neuen euphemistischen Zauberworten - derzeit lautet die Parole „Pastorale Räume weiten“ - wird die primär an der sinkenden Priesterzahl orientierte Eindampfung von Pfarreien und die Schließung von Kirchen zum Konzept hochstilisiert. Eucharistiefreie Zonen sind die Folge, und das, obschon die Eucharistie nach Aussage des Konzils „Quelle und Gipfel von Gemeinschaft“ ist. Das Bistum Aachen soll zum Beispiel auf acht Pfarreien eingedampft werden.
Was wäre, wenn zehn deutsche Bischöfe in ihrer Hirten-Sorge-Pflicht um die Eucharistie am Fest Peter und Paul des Jahres 2027 je fünf verheiratete, theologisch gut ausgebildete Männer zu Priestern weihen würden? Nach Kirchenrecht muss der Weihekandidat ein „vir baptizatus“, ein getaufter Mann sein. Diese 50 verheirateten Priester wären dann „gültig, aber nicht erlaubt“ geweiht. Würde Rom es wagen, die zehn Bischöfe und die 50 verheirateten Priester ihres Amtes zu entheben? Und mit welcher theologischen Begründung, wenn man doch andererseits zum Katholizismus konvertierte verheiratete protestantische Pfarrer zu katholischen Priestern weiht? Diese Kirche blockiert sich selbst, wenn sie nicht den Mut zu unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten hat.
Frauenfrage bleibt virulent
Der Autor
Ulrich Lüke ist Krankenhauspfarrer am St.-Franziskus-Hospital in Münster. Der Theologe und Biologe war von 2001 bis 2017 Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen. In seinen Forschungsarbeiten setzt er sich insbesondere mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube auseinander.
Mut gehörte zu den unabdingbaren Fähigkeiten der Schafhirten zum Schutz ihrer Herden. Müssen die Hirten der Kirche und erst recht solche, die sich „Oberhirten“ nennen, nicht mehr mutig sein? Ist das, was wir bei den Bischöfen mit diesen immer neuen „pastoralen Strukturanpassungen“ erleben, doch eher als „Feigheit vor dem Freund“ in Rom zu beschreiben?
Ich behaupte nicht, dass mit der oben genannten Maßnahme alle Probleme der Kirche gelöst wären, aber ein paar schon. Viele andere Probleme harren noch ihrer Lösung, zum Beispiel der Diakonat der Frau, den es in der Kirche 600 Jahre lang gegeben hat! Hier bedürfte es nur einer „Erinnerung an die Zukunft.“ Auch die Priesterweihe der Frau bleibt unabweisbar auf der Agenda, auch wenn maßgebliche Gestalter der Kirche da leider noch immer die Augen verschließen.
Künftige Bischöfe brauchen Mut
Aber darf oder muss man, weil vielen Bischöfen der Mut zum ersten Schritt fehlt, die Hoffnung auf weitere Schritte gleich mitbegraben? Ein Mut, der aus der christlichen Hoffnung wächst, ist nicht nur in der Welt, sondern auch im Blick auf Rom gefragt und sollte vielleicht zum Begabungsspektrum künftiger Bischöfe gehören. Er stünde aber auch uns „Durchschnittskatholiken“ gut zu Gesicht.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.