MEINUNG

Tauf-Boom junger Leute in Frankreich: Das Sakrament hat Nachfragen verdient

Manche sind ratlos, andere begeistert, alle frohlocken. Das Sakrament aber verdient genaues Hinsehen, meint Chefredakteur Markus Nolte.

„Erfolg ist keiner der Namen Gottes.“ Ein nach wie vor treffliches Zitat des großen jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Will sagen: In Zahlen gefasste Zuwächse sind keine Kategorie, wenn es um den Glauben geht. Erst recht in Zeiten, da manche ziemlich exakt meinen, sagen zu können, ab wann jemand nicht mehr katholisch ist, oder dass eine angeblich „schweigende Mehrheit“ im organisierten Katholizismus missachtet werde.

Da nimmt es nicht wunder, wenn gestiegene Zahlen von Erwachsenentaufen junger Menschen in Frankreich gleichermaßen vom Donner gerührte Begeisterung wie genügsame Ratlosigkeit auslösen. – Was also ist das, Trendwende oder Insta-Hype?

370 Prozent mehr

Die Zahlen sind in der Tat erstaunlich. So kursiert eine Entwicklung von insgesamt 4.500 Erwachsenentaufen im Jahr 2020 auf 10.000 im Jahr 2025. Auf die 18- bis 25-Jährigen bezogen sieht die Sache trotz mancher von ihnen gefüllten Kirchen ein wenig nüchterner aus. Taufen in dieser Altersgruppe sind im besagten Zeitraum von 900 auf 4.200 gestiegen. Das sind zwar satte 370 Prozent mehr, angesichts derer es aber doch umso mehr angeraten sein muss, zu fragen: Wie kommt's?

Die Fragen stellen Journalisten nicht nur in Frankreich, doch die Antworten sind ein kaum mehr als heiliges Schulterzucken, freudige Ahnungslosigkeit, hier und da ein entschiedenes „Der Heilige Geist wird's schon wissen“.

Wo sehen die Täuflinge ihren Platz?

Abseits also allen Zahlenfetischs, mancher Verweise auf sogar mehrwöchige Teilnahme junger Menschen an Gottesdiensten und Glaubenskursen und bei aller berechtigten Freude über weit mehr als ein heimgekehrtes verlorenes Schaf: Der Würde des Sakraments wäre es angemessen, genauer hinzuschauen, nach Motiven und den Wegen hin zu diesem Taufinteresse zu fragen und die Nachhaltigkeit dieser Entscheidungen abzuwarten.

Überdies: Wo sehen diese jungen Täuflinge ihren künftigen Platz in der Kirche? Vorrangig in der emotionalen Selbsterfahrung mystisch-heiliger Handlungen oder auch darin, Kirche aktiv zu realisieren – als lebendige Gemeinschaft, die in Taufe und Eucharistie Gott und einander verbunden an einer gerechteren, friedvolleren Welt, am Reich Gottes bauen will? 

Davon ab: Die Freude über Entscheidungen junger Leute darf gern auch stärker jenen zuteilwerden, die schon ihre Neugeborenen taufen lassen. Das waren allein im Bistum Münster trotz sinkender Tendenz zuletzt 10.633.

Anzeige

Komplet - der Abend-Newsletter von Kirche+Leben

JETZT KOSTENLOS ANMELDEN



Mit Ihrer Anmeldung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.