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2024 war ein Jahr der Krisen und Herausforderungen. Warum katholische und evangelische Kirche trotzdem optimistisch bleiben - ein Überblick.
Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben am Jahreswechsel zu Zusammenhalt und Zuversicht trotz politischer und gesellschaftlicher Herausforderungen aufgerufen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Georg Bätzing, ermutigte am Silvesterabend im Frankfurter Kaiserdom zu mehr Hoffnung. Diese sei „das Gegenbild von Furcht und Verzweiflung“ mit der Menschen angesichts von Konflikten und Krisen in die Zukunft blickten, sagte Bätzing.
Für eine menschenfreundlichere Gesellschaft
Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Kerstin Fehrs, rief zu einer Kultur der Offenheit und gegenseitigen Achtung auf. Die Hamburger Bischöfin warnte mit Blick auf die Bundestagswahl im Februar davor, populistischen Parolen auf den Leim zu gehen: „Man prüfe genau, wer zur Menschenfreundlichkeit fähig ist - und ordne es ein, wenn Extremisten Nächstenliebe nur fürs eigene Volk fordern.“
Der Münchner Kardinal Reinhard Marx warnte vor einem nationalen Kapitalismus, „der die eigenen ökonomischen und politischen Interessen durchsetzen will, auch auf Kosten anderer“. Der Erzbischof von München und Freising betonte: „Wenn wir nicht wirklich denken, dass wir als Menschen zusammengehören, dass wir Brüder und Schwestern sind, werden wir die großen Herausforderungen nie lösen.“ Beispielhaft verwies Marx auf den Klimawandel, den Einsatz für Frieden und den Kampf gegen Ungleichheit auf der Welt.
Erinnerungen an das Attentat von Magdeburg
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki erinnerte unter anderem an den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Weltweit sei eine Zunahme von Konflikten bis hin zu Gewaltbereitschaft zu erleben. Viele Menschen beschäftige deswegen die Frage nach dem Zusammenhalt in der Gesellschaft. Christen träten für eine Zivilisation der Liebe ein, so Woelki. Solidarität und Gemeinwohlorientierung hielten die Gesellschaft zusammen: „Die Währung für ein solches gelingendes, gesellschaftliche Miteinander ist dabei der gegenseitige, respektvolle Umgang miteinander.“
Auch der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann erinnerte an das Attentat in Magdeburg. Das Wissen um die Verwundbarkeit der Welt sei ein ständiger Begleiter menschlicher Existenz. Christen setzten dagegen darauf, dass die Dunkelheit nicht siege. „Das ist die Kraft, die diese Welt braucht: Menschen, die aufstehen, die sich nicht entmutigen lassen, die sich als Pilger zum Licht hin, zu Christus hin, auf den Weg machen.“
Ähnlich äußerte sich der Würzburger Bischof Franz Jung. Angesichts globaler Krisen - von Kriegen über die Klimakatastrophe bis hin zu gesellschaftlicher Spaltung - bleibe Hoffnung eine treibende Kraft hin zu einer besseren Welt.
Jungs Erfurter Amtsbruder Ulrich Neymeyr brachte mit Blick auf die Bundestagswahl am 23. Februar den Wunsch zum Ausdruck, „dass die Spaltungen in unserem Land im Wahlkampf nicht noch tiefer werden und dass die Menschen, die in politische Verantwortung gewählt werden, nicht nur auf das Wohl ihres Landes bedacht sind, sondern auch das Schicksal der gesamten Weltbevölkerung bedenken.“
Kritik an Abtreibungsdebatte
Der Bischof von Münster, Felix Genn, übte Kritik an der Abtreibungsdebatte. Ihm bereite Sorge, dass die derzeitige Regierung noch eine rechtliche Regelung des Schwangerschaftsabbruches durchsetzen wolle, „die ebenso wenig wie das Transplantationsgesetz mit unserem Menschenbild übereinstimmt“. Es empöre ihn, so Genn, solch wichtige Fragen in letzter Minute „durchzuboxen“.
Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf widmete sich einem politischen Schlüsselbegriff des vergangenen Jahres. „Die eigentliche Zeitenwende ist das Angebot des Friedens, das Gott den Menschen macht, Frieden mit ihm und Frieden untereinander“, so Kohlgraf, der auch Präsident der deutschen Sektion von Pax Christi ist.
Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke warnte unterdessen davor, dass der Sinn für gemeinsame Werte verloren zu gehen drohe. Die ökologische Krise und ein zunehmender Rückzug auf individuelle Selbstverwirklichung seien Symptome dafür. „Eine Gesellschaft löst sich auf, wenn das Ziel heißt: Von nichts und niemandem abhängig zu sein.“
In ähnlicher Weise verurteilte der Aachener Bischof Helmut Dieser einen wachsenden Egoismus. Immer häufiger laute das Credo: „Meine Interessen müssen durchkommen, ich sorge zuerst für mich und die, die so denken wie ich.“
Kirche am Rand
Der Fuldaer Bischof Michael Gerber ermutigte dazu, auf Andersdenkende, Ausgegrenzte und Fremde zuzugehen. Die Gesellschaft in Deutschland halte zusammen, gerade weil es viele Menschen unterschiedlicher Weltanschauung gebe, die mehr für das Gemeinwohl investierten als das, was gesetzlich eingefordert werde, fügte der stellvertretende Vorsitzende der DBK hinzu.
Auch der Hamburger Erzbischof Stefan Heße warb für eine offene Kirche: „Keiner soll vergeblich klopfen: Kranke, junge Menschen, Migranten, alte, Milliarden von Armen“, so Heße, der auch Sonderbeauftragter der DBK für Flüchtlingsfragen ist.
Wer ein grundsätzlich hoffnungsvoller Mensch sei, könne auch leichter Zeichen der Hoffnung setzen, sagte der Trierer Bischof Stephan Ackermann. Ganz konkret bedeute das unter anderem etwa, Menschen in prekären Lebensbedingungen aufzusuchen, junge Leute zu ermutigen und sich für Vertriebene und Flüchtlinge zu engagieren.
Offenheit für Neues
Für eine hoffnungsfrohe Haltung machte sich auch der Osnabrücker Bischof Dominicus Meier stark. „Eine Kirche, die nicht hofft, ist überflüssig.“
Nach den Worten des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck können Christen das Zusammenleben positiv beeinflussen. Er fügte hinzu, dass die Gesellschaft das karitative christliche Engagement brauche, etwa in Kitas, Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen.
Der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz warb um Zuversicht: „Halten wir uns bei allem, was wir planen und tun, offen und bereit für das überraschend Neue, das nicht wir machen, sondern das uns ermöglicht wird von Gott her.“
Einsichten in persönliche Begrenztheit
Der Passauer Bischof Stefan Oster blickte auf persönliche Erfahrungen zurück. Er habe sich im Zuhören geübt. Bewusst einmal die Sicht des anderen einzunehmen und zu verstehen könne auch im Alltag helfen, etwa in Streitsituationen.
Der Augsburger Bischof Bertram Meier gab sich selbstkritisch: „Ich gestehe offen und ehrlich: Meine Dankbarkeit ist ausbaufähig. Ich wäre gern ein dankbarer Mensch. Ich verspreche mir viel davon, die Haltung der Dankbarkeit weiter einzuüben.“
Stummer Protest in Freiburg
In Freiburg stand der Gottesdienst zum Jahresabschluss im Zeichen der Freistellung des dortigen Domkapellmeisters Boris Böhmann. Laut Medienberichten drehten etwa zehn Böhmann-Unterstützer Erzbischof Stephan Burger während seiner Predigt den Rücken zu, setzten Masken auf oder hielten eine Hand vor den Mund. Sicherheitspersonal habe einen Protestler nach draußen begleitet.
Die eigentlichen Beweggründe, die zu der umstrittenen Kündigung geführt hätten, könnten aus rechtlichen Gründen nicht transparent gemacht werden, sagte Burger. Jetzt sei es Zeit für einen Neuanfang in der Dommusik. Diese sei ein unverzichtbarer Bestandteil des Bistums. „Wir brauchen Sie alle“, wandte sich der Erzbischof abschließend an die Gottesdienstbesucher.
Der neue Bischof von Rottenburg-Sutttgart, Klaus Krämer, rief in einer Videobotschaft dazu auf, sich von den Herausforderungen in der Welt nicht entmutigen zu lassen. „Wir können mit Zuversicht in das neue Jahr gehen, weil wir auf die Zusage vertrauen dürfen, dass der Gott der Hoffnung uns mit seinem Segen auch im neuen Jahr begleiten wird.“
Premieren in Berlin
Im Erzbistum Berlin feierte Erzbischof Heiner Koch den Jahreswechsel erstmals in der wiedereröffneten Sankt Hedwigs-Kathedrale. In der Berliner Sankt-Thomas-Kirche fand außerdem der erste „Church Rave“ an Silvester statt. Dabei handelte es sich laut Angaben der Veranstalter um einen evangelischen Gottesdienst, der die Liturgie neu interpretiert.
Viele katholische Gottesdienste standen unter den Vorzeichen des unlängst gestarteten Heiligen Jahres in Rom. Das alle 25 Jahre gefeierte Jahr ist mit zahlreichen kirchlichen, kulturellen und sozialen Veranstaltungen und Initiativen verbunden.