Renommierter Kirchenhistoriker und Benediktinermönch starb mit 87 Jahren

Gerlever Alt-Abt Pius Engelbert ist tot

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Pius Engelbert, von 1999 bis 2006 Abt des Benediktinerklosters Gerleve im Münsterland, ist tot. Der international renommierte Professor für Kirchengeschichte starb mit 87 Jahren, wie seine Gemeinschaft mitteilte.

“Ich mache das jetzt sieben Jahre, dann bin ich 70, und dann war es das”: Was Pius Engelbert in dem ihm eigenen kölschen Pragmatismus 1999 nach seiner Wahl zum Abt der münsterländischen Abtei Gerleve (Kreis Coesfeld) im Kirche+Leben-Interview sagte, klang damals nach einer erhofft unspektakulären Zeit. So war es ihm am liebsten, obwohl er als international renommierter Kirchenhistoriker wissen musste, dass nichts so sicher ist wie Veränderung. 

So fielen in die zwar tatsächlich nur bis zur Altersgrenze von 70 Jahren währende, siebenjährige Abtszeit gleichwohl etwa die vollständige Renovierung und Neugestaltung der Gerlever Abteikirche, die Auseinandersetzung mit Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkriegs in Gerleve und nicht zuletzt die 100-Jahr-Feier der Gründung der Abtei 1999. Heute, am 6. Oktober, ist Alt-Abt Pius Engelbert wenige Wochen vor Vollendung seines 88. Lebensjahres gestorben, wie seine Gemeinschaft bekanntgab.

Langjähriger Professor in Rom

Neben seiner Heimatabtei war das internationale Benediktiner-Kolleg Sant' Anselmo in Rom gleich in drei Etappen Zentrum seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Am 28. Oktober 1936 mit dem Taufnamen Karl-Heinz in Köln geboren, trat Pius Engelbert 1956 in Gerleve ein und studierte bald darauf in Rom Theologie. 1962 empfing er die Priesterweihe, absolvierte sodann den zweijährigen Ausbildungskurs der Vatikanischen Archivschule und wurde 1966 an Sant’Anselmo zum Doktor der Theologie promoviert. 

In seinem Heimatkloster beteiligte er sich an der Seelsorge und Kursarbeit, wie das Kloster berichtet. Zugleich habe er sich weiterhin der kirchengeschichtlichen Forschung widmen können. Von 1967 bis 1976 war Pater Pius zudem Subprior - also einer der Stellvertreter des Abtes. 1981 führte ihn der Weg zurück nach Sant‘ Anselmo auf den Aventins-Hügel, wo er den Lehrstuhl für mittelalterliche und neuere Kirchengeschichte erhielt. Zusätzlich übernahm er 1995 einen Lehrauftrag an der Päpstlichen Universität Gregoriana. 

Die römische Zeit endete nach 18 Jahren zum zweiten Mal, als ihn die Gemeinschaft der Gerlever Mönche am 5. Juli 1999 als Nachfolger von Clemens Schmeing (+2018) zum vierten Abt ihrer Klostergeschichte wählte. 

Neugestaltung und Tradition

Höhepunkt seiner siebenjährigen Amtszeit war 2004 die Renovierung der Abteikirche, die Umgestaltung vor allem des Chorraums mit der Abtragung einer großen Christus-Mosaiks und der Anbringung einer Kreuzigungsgruppe aus dem 13. Jahrhundert. Im selben Jahr feierte Gerleve den 100. Jahrestag der Erhebung zur Abtei, verbunden mit einer damals im Dialogverlag Münster herausgegebenen, umfangreichen wissenschaflichen Festschrift namens “Saeculum”. 

2005 folgte das Münsteraner Bistumsjubiläum, in dessen Verlauf die Reliquien des ersten Bischofs Liudger für kurze Zeit auch nach Gerleve kamen. Wenige Kilometer von der Abtei entfernt verehrt die fromme Tradition den Ort “Ludgeri Rast”, von wo aus der heilige Liudger am Abend vor seinem Tod im nahen Billerbeck das von ihm gegründete Bistum Münster noch einmal gesegnet haben soll.

Abtprimas-Archivar und Missbrauchs-Aufklärung

Mit seinem 70. Geburtstag 2006 endete die Amtszeit von Abt Pius. Sein Nachfolger wurde Laurentius Schlieker, auf den 2020 der heutige Abt Andreas Werner folgte. Pius Engelbert indes ging nach seiner Emeritierung ein drittes Mal nach Sant’Anselmo und wirkte dort bis 2013 als Archivar des Abtprimas, des Repräsentanten des weltweiten Benediktinerordens.

Nach der Rückkehr in sein Heimatkloster war Pius Engelbert weiterhin wissenschaftlich tätig. Zahlreiche Veröffentlichungen zur benediktinischen Ordensgeschichte und zur lateinischen Paläographie stammen aus seiner Feder und verschafften ihm laut Abtei bei den Fachleuten hohes Ansehen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sein Name bekannt, als er 2010 im Auftrag des Heiligen Stuhls die bayerische Benediktinerabtei Ettal nach Bekanntwerden massiver Missbrauchsvorwürfe gegen 15 Patres visitierte. 

"Gefühlvoll und entscheidungfreudig"

“Abt Pius Engelbert war vieles zugleich”, schreiben seine Brüder anlässlich seines Todes, "ein gründlicher Historiker und Kenner der lateinischen Sprache, ein humorvoller und manchmal auch gefühlvoller Kölner, eine meinungs- und entscheidungsfreudige Führungspersönlichkeit, durch und durch Professor, Priester und Mönch. 

Den Angaben zufolge starb Alt-Abt Pius auf der Pflegestation des Seniorenzentrums Kloster Annenthal in Coesfeld. Das Requiem wird am Montag, 14. Oktober, um 14.30 Uhr in der Abteikirche Gerleve gefeiert. Anschließend wird der Verstorbene auf dem Klosterfriedhof beigesetzt.

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