KIRCHE+LEBEN-INTERVIEW

Berufungsbischof Gerber zu Priestermangel: Work-Life-Balance statt Wagnis

Junge Priester schrecken fremde Milieus, junge Leute die Komplexität des Priesterseins, sagt Fuldas Bischof. Wie da Nachwuchs gewinnen?

Herr Bischof Gerber, vor kurzem konnten Sie drei Männer zu Priestern weihen, in den kommenden sieben Jahren wird es im Bistum Fulda voraussichtlich keine Priesterweihen geben: Wie nehmen Sie diese Entwicklung persönlich wahr?

Persönlich bewegt mich das sehr. Seit knapp 25 Jahren bin ich in unterschiedlichen Funktionen für Priesterausbildung und Berufungspastoral verantwortlich. Eine ganze Reihe von Initiativen haben dabei eine Fruchtbarkeit entfaltet, so etwa das „Jahr der Berufung“ 2006 im Erzbistum Freiburg, als wir – wie wir damals sagten – den „Schub des Kölner Weltjugendtages“ aufgegriffen haben. Aus diesen Initiativen sind eine ganze Reihe von Lebensentscheidungen erwachsen. Aktuell ist es allerdings so, dass die für die Berufungspastoral Verantwortlichen hier im Bistum Fulda mit jungen Männern im Gespräch sind, welche sich die Frage nach der Priesterberufung stellen.

Die Deutsche Regentenkonferenz spricht für 2024 von 29 Priesterweihen in ganz Deutschland. Das ist im Vergleich zu 2000 nur etwa ein Fünftel: Wie erklären Sie sich die weiter sinkenden Weihezahlen?

Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. In den Bewerberzahlen für den priesterlichen Dienst spiegelt sich sehr deutlich die Gesamtsituation der Kirche in Deutschland wider. Wir erleben unsere Gesellschaft als zunehmend plural und in weiten Kreisen religiös gleichgültig. Sie stellt die Gottesfrage kaum noch und spricht der Kirche eine immer geringere Bedeutung zu. Im Kern ist ja die priesterliche Berufung ein „Sprung“ – kann ich dem Ruf Jesu vertrauen? Das setzt natürlich voraus, dass ich überhaupt an einen rufenden Gott glaube. Wer sich schließlich für einen kirchlichen Beruf interessiert, stößt auf vielerlei Anfragen, mitunter auf Skepsis und Unverständnis. Er muss bereit und fähig sein, komplexe Herausforderungen zu bewältigen. Davor schrecken viele junge Leute zurück.

Diese Entwicklung zeichnet sich schon seit längerem ab. Zugleich beobachte ich nicht nur in Bezug auf die Weihezahlen, sondern auch in Bezug auf die Einstellung derer, die in den letzten 20 bis 30 Jahren geweiht worden sind, einen deutlich spürbaren Unterschied zwischen früheren und späteren Jahrgängen. Unter den Priestern mittleren Alters finden wir viele der derzeit leitenden Pfarrer. In den jüngeren Jahrgängen sehe ich immer wieder Priester, die mir signalisieren, dass sie nur bedingt belastbar sind, stärker auf die eigene Work-Life-Balance achten wollen, und sich ungern in Milieus wagen, die ihnen fremd sind. 

Vielen fällt es schwer, ein Wagnis einzugehen. Das ist aber nicht einfach eine Frage des Willens, sondern viele erleben hier echte Grenzen. Dabei bin ich überzeugt, dass uns Gott genau in dieser Zeit und in dieser Gesellschaft zum Zeugnis herausruft, und zwar zu einem Zeugnis, das sich als Dialog mit dem ganzen Volk Gottes versteht. Wir sollten uns zuversichtlicher darauf einlassen …

Wie schätzen Sie die Lage der Priesterausbildung in Deutschland ein? Inwieweit ist sie für die immer geringere Anzahl an Berufungen verantwortlich?

Die Priesterausbildung in Deutschland basiert auf sehr guten Qualitätsstandards, das heißt sie fördert grundlegende Dynamiken, die für die Persönlichkeitsentwicklung der Kandidaten wichtig sind. Aber sie ist nicht ausschlaggebend dafür, ob sich Kandidaten bewerben oder nicht. Sie kann nur Berufungen aufnehmen und unterstützen, die schon da sind.

Ob jemand den Ruf Gottes wahrnimmt, hängt mit seiner Lebensgeschichte vor seinem Eintritt ins Seminar zusammen. Deshalb müssen wir uns fragen – wie wir es im Bistum Fulda auch tun –, welche unserer Projekte tatsächlich in einer Weise wirksam sind, dass Menschen tiefer in den Glauben finden, dass sie den Geist des Evangeliums kennen und mit ihren existenziellen Fragen in Verbindung bringen. Aktuell plane ich ein Jugendhearing, bei dem wir bewusst junge Menschen einladen, die einen tieferen Zugang zum Glauben gefunden haben. Wir fragen sie: Was hat euch dabei geholfen? Zeigen uns diese offenbar gelingenden Wege eine Richtung auf, wo und wie wir in Zukunft Schwerpunkte setzen müssen? 

Wer heute Priester werden will, braucht eine stabile Identität. Er muss eine Freude mitbringen, sich auf hohe See hinauszuwagen, ins Unbekannte aufzubrechen; auch die Bereitschaft, Ungewissheiten auszuhalten und zu vertrauen, dass Gott wirkt und er nicht aus eigener Kraft handeln muss. Letztlich sind dies Fragen der Berufungspastoral, die wir in den Diözesen stärken und als gesamtkirchliche Aufgabe verstehen müssen.

Wie kann sich die Priesterausbildung in Deutschland verändern, um mehr Berufungen hervorzubringen? Wird eine seit längerer Zeit angekündigte „Ratio nationalis“ dieser Herausforderung Rechnung tragen?

Michael Gerber ist Bischof von Fulda und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Er leitet die DBK-Kommission IV für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste.

Die Priesterausbildung reagiert auf die „Zeichen der Zeit“. Zum einen schließen sich in Deutschland derzeit diözesane Seminare an ausgewählten Standorten zusammen. Wir hoffen, damit sinnvolle Seminargrößen zu erhalten, die ein echtes Gemeinschaftsleben und notwendige Wachstumsprozesse der Kandidaten ermöglichen.

Zum anderen erwarten wir in der Tat, dass bald die neue Rahmenordnung für die Priesterausbildung in Kraft gesetzt werden kann. In der Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste (IV) der Deutschen Bischofskonferenz haben wir in den letzten Jahren intensiv daran gearbeitet und verschiedene Experten und Gruppen im Volk Gottes dazu gehört. Die neue „Ratio nationalis“ soll verbindliche Standards formulieren, die über bloße rechtliche Regelungen hinausreichen. Sie zielt auf Reifungsprozesse in menschlicher, geistlicher und pastoraler Hinsicht, die im Grunde nie zu Ende sein werden. 

Priesterbildung dauert ein Leben lang. Sie schließt die ganze Existenz des Menschen ein, kann nur in Gemeinschaft, also in einem Netz von lebendigen Beziehungen realisiert werden und vollzieht sich als missionarisches Zeugnis für Jesus Christus und seine Botschaft. Damit diese Prozesse in Gang gesetzt werden, muss jeder Kandidat mit seinen individuellen Voraussetzungen in den Blick kommen. Die Ausbilder suchen mit ihm gemeinsam, welche konkreten Mittel zu seiner ganzheitlichen Entwicklung beitragen. Dazu können Einsatzbereiche, Wohnformen, Begleitung und so weiter gehören – und bestimmt auch ungewohnte Erfahrungen. 

Diese Unterscheidung von Ziel und Mittel, die wir aus der Vätertheologie und von Ignatius von Loyola her kennen, soll der Priesterausbildung als Ganzer zugrunde liegen. Sie ermöglicht nämlich eine innere Freiheit in der Wahl der Mittel, erleichtert uns also das Erproben neuer Initiativen. Zum Beispiel halte ich es für unerlässlich, dass wir kooperative Ausbildungsformen mit anderen pastoralen Berufsgruppen haben und konsequent Frauen und Psychologen in die Ausbildung einbeziehen. Aber vieles geschieht auch schon seit Jahren. Ich wünsche mir sehr, dass Seminaristen wie Ausbilder die Impulse der neuen Ratio aufnehmen und zur Grundlage ihres Handelns machen. 

Kritiker der deutschen Kirche verweisen immer auf angeblich höhere Weihezahlen in Frankreich und den USA: Was kann die Priesterausbildung in Deutschland von der Weltkirche lernen, was nicht?

Im internationalen Vergleich haben wir mit der Ratio ein starkes und breit reflektiertes Dokument vorgelegt, für das sich jetzt schon Menschen aus anderen Ländern interessieren. Wir haben sie relativ spät fertiggestellt, aber damit auch den Vorteil, Elemente einer synodalen Kultur, auf die wir in der gesamten Kirche hinarbeiten wollen, schon integriert zu haben.

Andererseits können wir bestimmt von anderen Ländern lernen. In erster Linie fallen mir da Ansätze ein, die sich schon vor der Ausbildung abzeichnen. In Frankreich und in den Niederlanden beobachten wir seit einiger Zeit eine steigende Zahl an Erwachsenentaufen und ein anwachsendes Interesse am Glauben gerade unter jungen Leuten. Das ist umso erstaunlicher, als uns diese Länder in Sachen Säkularisierung weit voraus sind. Dort, wo die Gottesfrage gesamtgesellschaftlich nicht mehr gestellt wird, wird Gottes Wirken in der Gestalt von persönlichen Erfahrungs- und Bekehrungsgeschichten wieder sichtbar.

Bischöfe aus den Nachbarländern sagen uns, dass sie nicht genau wissen, warum plötzlich hier oder dort die Kirchen voll sind. Aber erste Beobachtungen legen nahe, dass es tatsächlich um lebendige Glaubenserfahrungen geht, die Menschen miteinander teilen, aufgrund derer sie sich vernetzen und die wiederum andere anziehend finden. Solche Erfahrungen darf ich aber anfanghaft auch unter jungen Menschen im Bistum Fulda machen. Ich kenne eine ganze Reihe engagierter junger Christen, die Menschen ihrer Generation zur Taufe ermutigt und begleitet haben. Die sozialen Netzwerke spielen eine Rolle, aber auch persönliche Beziehungen und Gebetsformen.

Die Kirche in Deutschland, die immer wieder geneigt ist, sich mit Strukturfragen zu beschäftigen, darf also von der Weltkirche lernen, indem sie fragt: Wo sind Orte und Menschen, die der Gegenwart Gottes Raum geben und Suchende einer nächsten Generation zu Jesus Christus führen? Das ist die Kernfrage unserer kirchlichen Sendung, auf die unsere Struktur hinzielen soll. In der Priesterausbildung gilt es, die Glaubenserfahrungen wach zu halten und für andere fruchtbar werden zu lassen.

Angesichts des Priestermangels: Wie müssen sich die Pfarrgemeinden in Zukunft verändern, um die Eucharistie als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ weiter flächendeckend anbieten zu können?

Pfarrgemeinden können sich in vielfältiger Weise für das Reich Gottes einsetzen und ihre Mitglieder beteiligen. Der Wandel in Kirche und Gesellschaft geht aber nicht spurlos an ihnen vorüber. Sie bleiben lebendig, wenn sie vom Evangelium her bereit sind, ihre bisherigen Gewohnheiten zu relativieren und zu fragen, was hier und jetzt ein Zeugnis für den Herrn – und nicht für die eigenen Ansprüche – ist.

Es wird künftig nicht mehr überall möglich sein, Eucharistiefeiern in der gewohnten Taktung anzubieten. Das bedeutet nicht, den Wert der Eucharistie zu relativieren, aber umzudenken. Das Ziel der pastoralen Planung kann nicht die flächendeckende Versorgung sein. Was wir gewährleisten müssen, ist eine qualitätsvolle Verkündigung und Zelebration, die zu einem authentischen Leben mit Gott motiviert. Hier beobachte ich, dass auch kirchlich sehr gebundene Menschen kritischer werden. Sie fragen sich: Welche Predigt gibt mir wirklich geistliche Nahrung, welche Art der Liturgie führt mich in die Tiefe? Wenn dann die Eucharistie für meinen Glauben Quelle und Höhepunkt ist, bin ich auch bereit, mich aufzumachen und eine gewisse Strecke zurückzulegen, um an einer Heiligen Messe teilzunehmen. 

Darüber hinaus heißt Eucharistie Communio: das Leben von Gemeinschaft und das Wertschätzen der unterschiedlichen Glieder des Leibes Christi mit ihren vielfältigen Charismen. Auch daran dürfen Pfarrgemeinden arbeiten, um ein Klima entstehen zu lassen, das weniger von gegenseitiger Abgrenzung und stärker von einer Kultur des Willkommenseins, des hoffnungsvollen Wagnisses und der wechselseitigen Korrektur geprägt ist. Wenn der Heilige Geist in einer solchen Pfarrei spürbar ist, wird er auch wieder Priesterberufungen hervorbringen können…

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