Einmal mehr wird in Rom darüber gesprochen, wie viel Segen es in Deutschland sein darf. Kirche+Leben fragt: Wie kommt das bei queeren Menschen an?
Ein Satz von Papst Leo XIV. im Flugzeug, ein aktuell, aber eher versteckt veröffentlichter Vatikan-Brief von 2024, Aussagen des Präfekten der Glaubensbehörde Kardinal Victor Manuel Fernández – über Segensfeiern unter anderem für gleichgeschlechtliche Paare wird plötzlich wieder diskutiert. Wie kommt das eigentlich bei den Betroffenen an?
„Ich kann das Hin und Her nicht mehr verstehen“, sagt Bernd Voschepoth im Kirche+Leben-Gespräch. Er vertritt die katholische Queergemeinde Münster im Pfarreirat von St. Joseph Münster-Süd.
Verhalten der Kirche „unsäglich“
In der Krypta der St.-Antonius-Kirche, die zur Pfarrei St. Joseph gehört, feiert die Queergemeinde an jedem zweiten Sonntag im Monat Gottesdienst. Es sei „unsäglich“, wie die katholische Kirche „mit den betroffenen Gläubigen umgeht – und auch mit ihren Geistlichen“, findet Voschepoth.
Er schaut zunächst auf die Queergemeinde: Dass Menschen in queeren Partnerschaften leben, werde von der Kirche „geduldet, toleriert, aber nicht akzeptiert“, beschreibt Voschepoth. „Da heißt es dann immer wieder: ,Aber das ist nicht richtig.‘“
Wirklich „alle, alle, alle“ willkommen?
Das irritiert ihn auch persönlich. Er sei seit drei Jahren in einer queeren Partnerschaft: „Ich lebe meinen Glauben genau wie vorher auch. Und das soll jetzt nicht mehr richtig sein?“
Die Päpste Franziskus und Leo betonten, „alle, alle, alle“ seien in der Kirche willkommen. Aber dann werde ernsthaft über einen Segen „im Vorbeigehen“ gesprochen, für den es keine liturgische Form geben dürfe und wo nur einzelne Menschen gesegnet werden, aber nicht ihre Verbindung: „Solche Nackenschläge gibt es immer wieder“, bedauert Voschepoth.
Dilemma der Seelsorgenden
Der Gemeindevertreter betont, dass die Menschen der Queergemeinde ihren Glauben „innerhalb der katholischen Kirche leben und ihn weiter dort leben möchten“. Und glaube wirklich jemand, queere Menschen in Europa und der westlichen Welt seien die Einzigen, denen das so gehe? „Wir wünschen uns Akzeptanz.“
Zugleich bedauert Voschepoth die Lage der Seelsorgenden: „Was soll denn ein Geistlicher machen, der zwei Menschen gegenübersteht?“, fragt er. Er habe schon von Priestern gehört, die sagen: „Ich kann euch nicht segnen. Aber ich kenne jemanden, der es tut.“
Die Entscheidung von Kardinal Marx
Die aktuelle Debatte, nimmt Voschepoth an, hat sich an einer Entwicklung im Erzbistum München und Freising entzündet. Daran, dass Kardinal Reinhard Marx seinen Seelsorgenden die Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ als Grundlage pastoralen Handelns empfohlen hatte. Deutsche Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken hatten sie als ein Ergebnis des Synodalen Wegs und nach dem Schreiben „Fiducia supplicans“ von Papst Franziskus entwickelt.
Marx leitet seit 2014 auch den Wirtschaftsrat für den Vatikan und den Heiligen Stuhl. Deshalb, vermutet Voschepoth, sei das Handeln des Kardinals in Rom überhaupt so wahrgenommen worden.