SICHTWEISEN

Echo

Diese berühmte Sache mit dem Bürgermeister von Wesel: Sie verbindet ein mal scheues, immer treues Tier mit Pfützen und Brücken - und dem Glauben.

Ein Echo sagt die Wahrheit, denn was man ruft, das kommt zurück. Aber nicht immer. Oder nicht immer vollständig. „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?“, etwa echot: „Esel!“ Der Ort hatte freilich nie einen Bürgermeister dieses Namens. Bleibt der Esel. Der gilt als stur und störrisch, dickköpfig und dumm. Gäbe es in Zukunft einen Bürgermeister dieses Namens, er wäre zu bedauern.

Doch die Vorurteile stimmen nicht. Genauso wenig wie das Echo. Esel sind unterschätzte Tiere. Sie haben immer Gründe, warum sie so und nicht anders reagieren, wie ein paar schöne Geschichten zeigen:

Esel und Engel

Ottfried Preußler zum Beispiel schrieb dem Esel eine ganz besondere Rolle zu. Ein Engel hatte Josef im Traum bedeutet, er solle nach Ägypten fliehen mit Maria und dem Kind. Nur kannte Josef den Weg nicht. Ob der Engel nicht vor ihnen hergehen könnte, fragte er. Der Engel bedauerte, „ein solches Geleit sei im göttlichen Ratschluss nicht vorgesehen, wie übrigens in der Bibel auch nicht“. Eine „kleine Begünstigung“ aber sei gestattet, das dürfe Josef aber niemandem verraten, auch der Muttergottes nicht. Er, der Engel, werde die heilige Familie in Gestalt des Esels geleiten. Den würden sie ja ohnehin mitnehmen, sodass die Sache nicht weiter auffiele. Natürlich könne er, der Engel, sich schwerlich in einen Esel verwandeln, sonst gäbe es ja zwei Grautiere. Stattdessen würden der Esel und er „miteinander eins werden, bis auf weiteres, und es solle sich der heilige Josef nur immer getrost nach dem Esel richten“. So kämen sie ans Ziel. Und so war es auch.

Pfützen und Brücken

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Eine andere Geschichte ist die der Eselsbrücke. Eselsbrücken sind Tricks, mit denen man sich komplizierte Dinge merken kann. Das ist bekannt. Doch kaum jemand weiß, woher das Wort kommt. Esel sind klug, vorsichtig und wasserscheu. Sie scheuen selbst schmale Bäche, weil sie nicht erkennen können, wie tief sie sind. Dass sie sogar kleine Pfützen meiden, habe ich selbst einmal erlebt, als wir an einem Palmsonntag mit einer Eselin in die Kirche einziehen wollten und das Tier stehen blieb, als es eine Pfütze sah. Erst als wir einen Bogen darum machten, konnten wir weitergehen. Früher baute man deshalb kleine Brücken. Kleiner Aufwand, große Wirkung, man kam schneller ans Ziel. Wie das mit Eselsbrücken eben ist.

Kreuz und Rücken

Esel sind also keineswegs störrisch oder dumm, sie sind unbeirrbar. Sie müssen sich nicht aufspielen, sie haben es nicht nötig, mit den Hufen zu scharren, um erwähnt und gepriesen zu werden. Esel sind sie selbst. Geduldig, standhaft, friedliebend.

Jesus soll dem Tier zum Dank sein Siegeszeichen geschenkt haben; das Zeichen des Kreuzes, das wichtigste Symbol der Christenheit. Wer genau hinschaut, erkennt es auf dem Rücken der Tiere. – Mag sein, dass die Geschichte Volksglaube ist. Ich bin mir sicher, sie stimmt. Denn nichts anderes haben Esel verdient.

Sollte es also doch einmal einen Bürgermeister von Wesel namens Esel geben, hätte er allen Grund, auf das Echo stolz zu sein.

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