Der deutsche Priester und Poet lebt in Jerusalem. Was ihn an Israels Regierung entsetzt und warum er nicht über teures Benzin reden mag.
Herr Wahl, von den jüngsten Angriffen der USA und Israels auf den Iran sind fast nur noch die wirtschaftlichen Folgen präsent – die Blockade der Schiffe in der Straße von Hormus und die in der Folge hohen Spritpreise auch hierzulande. Wie nehmen Sie die Entwicklung wahr angesichts des Leids der Menschen im Nahen Osten?
Ich schaue täglich in Gesichter von Menschen, die diesen Konflikt konkret erleben. Der Krieg ist für sie kein geopolitisches Ereignis, sondern Alltag – ein Zustand, der sich in Körper und Seele einschreibt. Jede neue Eskalation fühlt sich an wie ein weiterer Schlag auf etwas, das ohnehin schon wund ist. In Ostjerusalem spürt man, wie ein weiterer Riss durch ohnehin fragile Lebenswelten geht. Da fällt es mir schwer, über Spritpreise zu sprechen.
Die Vernichtung Israels ist ausdrückliches Ziel des Iran. Daher lässt sich das Vorgehen Israels zumindest erklären. Viele Juristen dagegen halten es für völkerrechtswidrig. Was sagen Sie?
Ich halte es für wichtig, zwei Dinge gleichzeitig auszuhalten: Israels existenzielle Bedrohung ist real. Zugleich bleibt das Völkerrecht ein Maßstab, der nicht relativiert werden darf. Wenn wir beginnen, ihn je nach Perspektive auszulegen, verlieren wir eine der letzten gemeinsamen Grundlagen. Meine Rolle ist es, zu erinnern, dass jedes Handeln am Schutz von Menschenleben gemessen werden muss. So sehr man sich wünschen mag, dass das menschenverachtende System des Iran – ich denke nur an die fast täglichen Hinrichtungen junger Regimekritiker und -kritikerinnen – zusammenbricht, ist vom Iran keine unmittelbare Kriegsgefahr ausgegangen, die einen Verteidigungsfall gerechtfertigt hätte.
Die Attacken der islamistischen Hamas vom 7. Oktober 2023 waren ein tiefer Einschnitt für Israel. Sie erleben die Debatten im Land mit. Wie stark sind die Militäraktionen seither – in Gaza, im Libanon, gegen den Iran – innenpolitisch motiviert?
Die Sicherheitsfrage ist für viele Israelis eine existenzielle Debatte. Der 7. Oktober hat ein tiefes Trauma ausgelöst und zugleich durch die völlig unverhältnismäßige Reaktion der israelischen Regierung unfassbare Traumata auf palästinensischer Seite geschaffen. Dass die Militäraktionen den rassistischen Ideologien fanatischer israelischer Regierungsmitglieder wie Itamar Ben-Gvir oder Bezalel Smotrich höchst willkommen sind, gehört zu den nicht verdrängbaren Tatsachen, die das Ansehen Israels in der Welt massiv beschädigt haben. Dass es in einem Land, in dem noch die letzten Überlebenden des faschistischen NS-Terrors leben, möglich ist, offen faschistoiden und menschenverachtenden Personen wie den beiden Genannten Ministerposten zu übertragen, ist mir nach wie vor unbegreiflich.
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu stand vor den Hamas-Terrorschlägen unter Druck: Seine Justizreform war umstritten, Zehntausende in Israel demonstrierten gegen die Regierung. Nützen Netanjahu die Militäraktionen?
Ich möchte mein Visum behalten, deshalb antworte ich weniger deutlich, als ich gern würde. Es ist kein Geheimnis, dass Situationen wie die jetzige Netanjahu in die Hände spielen. Ich befürchte, dass es nicht bei der aktuellen Waffenruhe bleiben wird, hoffe aber sehr, mich hier zu irren. Auf jegliche äußere Kritik an seinem Handeln antwortet Netanjahu reflexhaft mit dem Vorwurf des Antisemitismus. Dabei hat berechtigte Kritik am Vorgehen seiner Regierung nichts mit Antisemitismus zu tun. Wenn ich das kriminelle Handeln von Smotrich, Ben-Gvir und Co. kritisiere, beleidige ich nicht „die Jüdin von New York“, eher umgekehrt: Wenn Israelis wie der ehemalige Mossad-Chef Tamir Prado angesichts der Situation in den besetzten Gebieten sagen, er fühle sich „ashamed to be a Jew“, dann ist das erschütternd. Eine der ergiebigsten Quellen für den zu bekämpfenden Antisemitismus hat – so absurd das klingen mag – einen Namen: Benjamin Netanjahu.
Sie leben seit 2018 in Jerusalem. Was bräuchte das Heilige Land, um zur Ruhe zu kommen? Die Zwei-Staaten-Lösung, wie auch der Vatikan, Bischöfe im Nahen Osten und in Deutschland immer wieder betonen?