KIRCHE+LEBEN-INTERVIEW

Stephan Wahl: Netanjahus Handeln ist ergiebige Quelle für Antisemitismus

Der deutsche Priester und Poet lebt in Jerusalem. Was ihn an Israels Regierung entsetzt und warum er nicht über teures Benzin reden mag.

Herr Wahl, von den jüngsten Angriffen der USA und Israels auf den Iran sind fast nur noch die wirtschaftlichen Folgen präsent – die Blockade der Schiffe in der Straße von Hormus und die in der Folge hohen Spritpreise auch hierzulande. Wie nehmen Sie die Entwicklung wahr angesichts des Leids der Menschen im Nahen Osten?

Ich schaue täglich in Gesichter von Menschen, die diesen Konflikt konkret erleben. Der Krieg ist für sie kein geopolitisches Ereignis, sondern Alltag – ein Zustand, der sich in Körper und Seele einschreibt. Jede neue Eskalation fühlt sich an wie ein weiterer Schlag auf etwas, das ohnehin schon wund ist. In Ostjerusalem spürt man, wie ein weiterer Riss durch ohnehin fragile Lebenswelten geht. Da fällt es mir schwer, über Spritpreise zu sprechen.

Die Vernichtung Israels ist ausdrückliches Ziel des Iran. Daher lässt sich das Vorgehen Israels zumindest erklären. Viele Juristen dagegen halten es für völkerrechtswidrig. Was sagen Sie?

Ich halte es für wichtig, zwei Dinge gleichzeitig auszuhalten: Israels existenzielle Bedrohung ist real. Zugleich bleibt das Völkerrecht ein Maßstab, der nicht relativiert werden darf. Wenn wir beginnen, ihn je nach Perspektive auszulegen, verlieren wir eine der letzten gemeinsamen Grundlagen. Meine Rolle ist es, zu erinnern, dass jedes Handeln am Schutz von Menschenleben gemessen werden muss. So sehr man sich wünschen mag, dass das menschenverachtende System des Iran – ich denke nur an die fast täglichen Hinrichtungen junger Regimekritiker und -kritikerinnen – zusammenbricht, ist vom Iran keine unmittelbare Kriegsgefahr ausgegangen, die einen Verteidigungsfall gerechtfertigt hätte.

Die Attacken der islamistischen Hamas vom 7. Oktober 2023 waren ein tiefer Einschnitt für Israel. Sie erleben die Debatten im Land mit. Wie stark sind die Militäraktionen seither – in Gaza, im Libanon, gegen den Iran – innenpolitisch motiviert?

Die Sicherheitsfrage ist für viele Israelis eine existenzielle Debatte. Der 7. Oktober hat ein tiefes Trauma ausgelöst und zugleich durch die völlig unverhältnismäßige Reaktion der israelischen Regierung unfassbare Traumata auf palästinensischer Seite geschaffen. Dass die Militäraktionen den rassistischen Ideologien fanatischer israelischer Regierungsmitglieder wie Itamar Ben-Gvir oder Bezalel Smotrich höchst willkommen sind, gehört zu den nicht verdrängbaren Tatsachen, die das Ansehen Israels in der Welt massiv beschädigt haben. Dass es in einem Land, in dem noch die letzten Überlebenden des faschistischen NS-Terrors leben, möglich ist, offen faschistoiden und menschenverachtenden Personen wie den beiden Genannten Ministerposten zu übertragen, ist mir nach wie vor unbegreiflich.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu stand vor den Hamas-Terrorschlägen unter Druck: Seine Justizreform war umstritten, Zehntausende in Israel demonstrierten gegen die Regierung. Nützen Netanjahu die Militäraktionen?

Ich möchte mein Visum behalten, deshalb antworte ich weniger deutlich, als ich gern würde. Es ist kein Geheimnis, dass Situationen wie die jetzige Netanjahu in die Hände spielen. Ich befürchte, dass es nicht bei der aktuellen Waffenruhe bleiben wird, hoffe aber sehr, mich hier zu irren. Auf jegliche äußere Kritik an seinem Handeln antwortet Netanjahu reflexhaft mit dem Vorwurf des Antisemitismus. Dabei hat berechtigte Kritik am Vorgehen seiner Regierung nichts mit Antisemitismus zu tun. Wenn ich das kriminelle Handeln von Smotrich, Ben-Gvir und Co. kritisiere, beleidige ich nicht „die Jüdin von New York“, eher umgekehrt: Wenn Israelis wie der ehemalige Mossad-Chef Tamir Prado angesichts der Situation in den besetzten Gebieten sagen, er fühle sich „ashamed to be a Jew“, dann ist das erschütternd. Eine der ergiebigsten Quellen für den zu bekämpfenden Antisemitismus hat – so absurd das klingen mag – einen Namen: Benjamin Netanjahu.

Sie leben seit 2018 in Jerusalem. Was bräuchte das Heilige Land, um zur Ruhe zu kommen? Die Zwei-Staaten-Lösung, wie auch der Vatikan, Bischöfe im Nahen Osten und in Deutschland immer wieder betonen?

Die Zwei-Staaten-Lösung bleibt für viele die einzige denkbare politische Perspektive, auch aus Kirchensicht. Aber hier glaubt kaum noch jemand daran. Durch immer neue Siedlungen findet de facto eine Annexion statt. Ich glaube nicht, dass das Land in absehbarer Zeit zur Ruhe kommen wird. Aber: Hätte man vor dem Friedensschluss mit Ägypten behauptet, ausgerechnet der Ex-Irgun-Terrorist Menachem Begin werde als erster israelischer Ministerpräsident einem arabischen Staat die Hand zum Frieden reichen, man hätte es für völlig unrealistisch gehalten. Auf solche politischen Mutationen hoffe ich – auch wenn derzeit nichts darauf hindeutet.

Christen im Heiligen Land sind eine kleine Gruppe im Vergleich zu Juden und Muslimen, ihr Einfluss ist begrenzt. Immer wieder wird zudem von Angriffen auf Christen berichtet, auch von jüdischer Seite. Was hält Sie in Jerusalem?

Immer wieder kommt es zu Übergriffen. Das Video, in dem zu sehen ist, wie eine katholische Ordensschwester von einem Siedler zu Boden geworfen und getreten wird, ist nur ein abscheuliches Beispiel unter vielen. Wir Christen sind hier eine kleine Minderheit, oft zwischen den Fronten. Auch wichtige Repräsentanten wie der Lateinische Patriarch, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, werden von der israelischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, haben aber eine unersetzliche stabilisierende Kraft für die Christen im Land. Christsein im Heiligen Land bedeutet für mich, an Orten zu bleiben, an denen Versöhnung unwahrscheinlich erscheint. Es ist eine stille, beharrliche Hoffnung, die ich nicht aufgeben möchte. Mich trägt auch das Engagement großartiger Israelis, etwa von Tag Meir oder den „Rabbis for Human Rights“, die ich ideell wie praktisch unterstütze.

Sie sind als Priester und Poet derzeit wieder mit Lesungen in Deutschland unterwegs. Welche Rolle spielt die Situation im Nahen Osten dabei? Was vermag Poesie zu bewirken, was der Glaube?

Die Situation in Nahost ist in meinen Lesungen stets präsent – nicht als politische Analyse, sondern als menschliche Erfahrung. Poesie kann Räume öffnen, in denen Menschen wieder fühlen und einander zuhören. Sie kann in Sprache bringen, was Betroffenen selbst nicht möglich ist. Der Glaube geht noch einen Schritt weiter: Er hält die Hoffnung wach, dass Gewalt nicht das letzte Wort behält. Beides sind für mich Formen des Widerstands gegen die Verrohung. „Sei erschütterbar und widersteh“, schreibt der Dichter Peter Rühmkorf.

Lesung im Bistum Münster
Stephan Wahl (65), Priester des Bistums Trier, Poet und Autor, liest am Montag, 11. Mai, ab 19.30 Uhr in der evangelischen Friedenskirche in Oelde im Kreis Warendorf aus seinen jüngsten Büchern. Der Eintritt ist frei. Wahl bittet um Spenden für die israelische Nichtregierungsorganisation „Rabbis for Human Rights“, die sich für Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. Den Abend organisieren das Team des Ökumenischen Friedensgebets und die katholische Familienbildungsstätte Oelde-Neubeckum. | jjo.

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