KRIMINALITÄT

Entsetzen nach „Stolperstein“-Diebstahl: Polizei ermittelt

Die bischöflichen Schulen in Wilhelmshaven hatten die Gedenksteine Ende Mai verlegen lassen. Zwei Tage später waren sie weg. Wie es weitergeht.

Nur kurz nach ihrer Verlegung sind in Wilhelmshaven drei „Stolpersteine“ von Unbekannten aus dem Pflaster gerissen und entwendet worden. Betroffen sind Gedenksteine für Mitglieder der Familie Hirschberg, die im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden. Wie die Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland mitteilt, ermittle sie wegen schweren Diebstahls.

Die Gedenksteine waren erst zwei Tage zuvor mit 13 weiteren im Rahmen eines gemeinsamen Projekts „AG Stolpersteine“ des bischöflichen Gymnasiums Cäcilienschule und der ebenfalls bischöflichen Franziskus-Oberschule an ihren Platz gekommen: unmittelbar vor dem ehemaligen Wohngebäude der Familie.

Projekt entstand am katholischen Gymnasium

Bereits seit dem Schuljahr 2024/25 engagieren sich Schülerinnen und Schüler der Cäcilienschule in einer Arbeitsgemeinschaft unter Leitung der Lehrerinnen Imke Fischer und Swantje Timmermann für das Stolperstein-Projekt in Wilhelmshaven. Die Idee dazu war im Geschichtsunterricht des katholischen Gymnasiums entstanden und hatte bereits im Frühjahr 2025 zur Verlegung der ersten 20 Gedenksteine in der Jade-Stadt geführt.

Beate Schwarz, die das Projekt an der bischöflichen Franziskusschule betreut, erklärte im Gespräch mit Kirche+Leben, sie und die anderen Beteiligten seien entsetzt über den Diebstahl. Die Lehrerin hatte sich mit Schülerinnen und Schülern der katholischen Oberschule in diesem Jahr dem Projekt des katholischen Gymnasiums angeschlossen.

Am Tag nach der Verlegung noch am Platz

Dafür hatten Schülerinnen und Schüler erneut Biografien jüdischer Wilhelmshavener rekonstruiert. Die Ergebnisse ihrer Recherchen konnten sie in diesem Jahr bei einem Gedenkgang mit rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Tag nach der Verlegung präsentieren. „Sie haben dabei die Menschen vorgestellt, für die die Gedenksteine stehen“, so Beate Schwarz.

Nach Erkenntnissen der Polizei befanden sich alle Stolpersteine zu diesem Zeitpunkt noch an ihrem Platz. Am Mittag des folgenden Tages war dann der Diebstahl gemeldet worden. Beate Schwarz hatte abends in den sozialen Medien davon erfahren.

„Tat gegen die Erinnerung“

Bei allen Beteiligten seien Erschütterung und Betroffenheit groß, so die Lehrerin. Das drücke sich in Fragen aus wie: „Wer macht so etwas?“ oder „Wie konnte es passieren?“ Deshalb habe man sich am Gedenkgang und einer Mahnwache einige Tage nach dem Verschwinden der Stolpersteine beteiligt.

„Diese Tat richtet sich nicht nur gegen einige Messingplatten im Boden. Sie richtet sich gegen die Erinnerung an Leo, Slata und Lucie Hirschberg – gegen Menschen, die Teil dieser Stadt waren, bevor sie entrechtet, vertrieben und schließlich ermordet wurden“, heißt es in einer dabei verlesenen gemeinsamen Erklärung der beteiligten Lehrerinnen.

Steine sollen zeitnah ersetzt werden

Die Tat zeige leider, „dass Erinnerungskultur keine Selbstverständlichkeit ist. Sie muss immer wieder neu verteidigt, erklärt und mit Leben gefüllt werden. Gerade deshalb werden wir uns von dieser Tat nicht entmutigen lassen.“

Die zerstörten Stolpersteine würden ersetzt. Neue Steine seien bereits in Arbeit und würden zeitnah verlegt. „Die Erinnerung an die Familie Hirschberg lässt sich nicht herausreißen. Ihre Geschichte bleibt Teil dieser Stadt.“

Stolpersteine immer wieder entwendet

Stolpersteine sind ein europaweites Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Jeder trägt eine kleine Messing-Gedenktafel mit Namen und Daten eines Menschen, der vom NS-Regime verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurde. Insgesamt wurden allein in Deutschland mehr als 100.000 solcher Steine vor früheren Wohnhäusern von Opfern verlegt.

Diebstähle von Stolpersteinen sind nicht neu. „Deutschlandweit werden Stolpersteine seit Jahren immer wieder gestohlen oder beschädigt“, heißt es dazu vonseiten der gemeinnützigen Amadeu-Antonio-Stiftung, die nach eigenen Angaben kontinuierlich antisemitische Vorfälle in Deutschland dokumentiert.

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