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Islamischer Ramadan: Wie fasten Muslime, Professor Khorchide?

Bei den Christen sind es 40 Tage, im Islam 30. Mouhanad Khorchide, islamischer Theologe an der Uni Münster, über Unterschiede und Ähnlichkeiten.

Herr Khorchide, wie fasten Muslime?

In den 30 Tagen des Ramadan, des neunten Monats des islamischen Kalenders, sollen alle Muslime ab dem Jugendalter von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang enthaltsam leben, was Essen, Trinken, Rauchen und ihre Sexualität angeht. Zudem sollen sie sich innerlich disziplinieren, auf Schimpfen, Lügen und Beleidigungen aller Art verzichten. Also nichts ethisch Verwerfliches tun, das würde das Fasten ungültig machen.

Das Fasten gehört zu den „fünf Säulen“, also den Hauptgeboten des islamischen Glaubens. Das sind das Glaubensbekenntnis zu Allah, die fünf täglichen Gebete, das Almosengeben, das Pilgern nach Mekka und eben das Fasten. Wo ist die Fastentradition grundgelegt?

Im Koran. In der zweiten Sure, Vers 183, steht: „Euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es den Menschen vor euch auch vorgeschrieben war, damit ihr fromm werdet.“ Das Fasten ist ein göttliches Gebot, und es verbindet mit den Gläubigen vor uns. Der Koran reiht sich ein in eine Tradition der anderen monotheistischen Religionen, also Juden und Christen, die auch fasten. Bemerkenswert ist der Nachsatz „…damit ihr fromm werdet“. Das meint die innere Dimension, von der ich gesprochen habe. Der Prophet Mohammed sagte, Frömmigkeit finde im Herzen statt. Der äußere Verzicht ist kein Selbstzweck. Man soll sich entfernen von materiellen Bedürfnissen, um frei zu werden für gute Werke, für die Gottesbeziehung, für die Beziehung zu sich selbst und für neue Vorsätze.

Wie läuft ein Fastentag im Ramadan ab?

Zur Person
Mouhanad Khorchide (54) stammt aus der libanesischen Hauptstadt Beirut. Er wuchs in Saudi-Arabien auf. 1989 kam er nach Wien und wurde österreichischer Staatsbürger. Er studierte islamische Theologie in Beirut sowie Soziologie in Wien. Seit 2010 ist er Professor für islamische Religionspädagogik am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster, dessen geschäftsführender Direktor er zugleich ist.

Vor der Morgendämmerung wird das Suhur eingenommen. Dabei sind Muslime bemüht, Dinge zu essen, die Kraft geben und Durst vermindern, zum Beispiel Bananen, auch viele Kohlenhydrate. Danach lebt man enthaltsam bis Sonnenuntergang. Beim abendlichen Fastenbrechen lässt man es langsam angehen, beginnt mit Datteln, um der Unterzuckerung entgegenzuwirken, trinkt viel. Suppe steht oft am Anfang. Wichtig ist, den Körper nicht zu überfordern, nicht alles auf einmal zu essen.

Der Ramadan richtet sich nach dem Mondkalender, beginnt also in jedem Jahr zehn oder elf Tage früher – und kann mitten im Hochsommer liegen, bei 30 Grad und mehr. Wie schafft man es da, tagsüber nichts zu trinken?

Das ist schwer. Aber der Koran kennt nicht nur das Fastengebot, sondern legt schon im nächsten Vers, Sure 2, Vers 184, Ausnahmen fest: Kinder, alte und kranke Menschen, schwangere und stillende Frauen und Reisende müssen nicht fasten. Und wer krank wird, kann die Fastentage über das Jahr verteilt nachholen. Man muss auch an Schülerinnen und Schüler denken, die womöglich kollabieren und nicht leistungsfähig sind. Im Vers 185 heißt es: „Allah will das Leichte für euch, nicht das Schwere.“

Was bedeutet das praktisch?

Anders als die katholische Kirche kennt der Islam kein festgefügtes Lehramt. Es obliegt allgemein anerkannten Gelehrten, Regeln festzulegen. Zum Beispiel, wenn der Ramadan im Hochsommer liegt und die Sonne erst um 22 Uhr untergeht. Es gibt Gelehrte, die auf Vers 185 verweisen und sagen, der Ramadan sei nicht dafür gedacht, dass der Mensch darunter leidet. Deshalb empfehlen sie zum Beispiel Muslimen in Skandinavien, sich am Sonnenuntergang in Mekka zu orientieren. Wieder andere sagen: Nein, das verletzt das Gebot. So gibt es immer unterschiedliche Meinungen.

Und wer entscheidet dann?

In vielen islamischen Ländern machen Religionsbehörden Vorgaben. Dort herrscht auch sozialer Druck. Hier bei uns zeigt die Realität: Am Ende entscheiden die Menschen selbst. Das ist auch gut so.

Wie verbreitet ist das „äußere“ Fasten bei Muslimen?

Während in Umfragen in der Regel nicht mehr als ein Viertel der Muslime angibt, das persönliche Gebet auf dem Gebetsteppich einzuhalten, sind es beim Fasten im Ramadan etwa 70 Prozent.

Woran liegt das?

Weil es eine kollektive Praxis ist: Keiner isst zu Mittag, alle essen am Abend, da will man kein Außenseiter sein. Das ist auch soziale Kontrolle. Leider erfahren wir manchmal, dass es an Schulen Gruppen gibt, die Religionspolizei spielen und gerade junge Männer ansprechen: „Wieso fastest du nicht? Was für ein Mann bist du, der es nicht hinbekommt zu fasten?“ Aber davon abgesehen ist der Ramadan ein Identitätsmarker für Selbstvergewisserung und Zugehörigkeit: „Die Mehrheit macht es. Und wo gehöre ich denn hin, wenn ich nicht faste?“ Das erreicht sogar weniger religiöse Menschen. Auch wenn sie sich auf ein paar einzelne Tage Fasten beschränken und nicht den ganzen Ramadan durchhalten.

Warum ist eigentlich der Ramadan der Fastenmonat?

Der Koran wurde dem Propheten Mohammed innerhalb von 23 Jahren offenbart. Am ersten Tag ist ihm der Engel Gabriel erschienen und hat begonnen, ihm den Koran zu verkünden. Das geschah nach islamischem Glauben am 27. Tag des Ramadan.

Warum empfehlen Sie das Fasten – auch nicht-religiösen Menschen?

Aus drei Gründen. Erstens, um das Leben zu entschleunigen. Ich denke, das brauchen wir alle heute dringend. Das Leben wird immer schneller, gerade durch Social Media. Und der Mensch hat immer weniger Raum für sich selbst. Der Mensch müsste sich selbst der beste Freund sein, finde ich. Diesen Freund vernachlässigen wir sehr oft. Da kann das Fasten auch eine Möglichkeit sein, zu sich selbst zurückzufinden. Das zweite: Der Mensch ist nicht nur Körper. Enthaltsamkeit ist in vielen Religionen ein Symbol dafür, dass wir auch eine Seele haben. Wir sollten immer wieder fragen: Wie geht es meiner Seele, was braucht es, um meine „spirituelle Batterie“ aufzuladen? Das stärkt unsere Resilienz und gibt Hoffnung. Und drittens: Das Fasten kann darin münden, dass wir uns um unsere Mitmenschen kümmern. Verzicht erinnert uns daran, nicht egoistisch zu sein. Wir tragen Verantwortung auch für unsere Mitmenschen.

Der Ramadan
Der islamische Ramadan und die christliche Fastenzeit liegen 2026 nahezu parallel. Das ist selten, da der Ramadan sich nach dem Mondkalender richtet und daher in jedem Jahr zehn oder elf Tage früher beginnt als im Vorjahr. Für Muslime in Deutschland beginnt in diesem Jahr am Abend des 18. Februar der Fastenmonat, er dauert bis zum 20. März. Christen fasten zwischen Aschermittwoch, in diesem Jahr ebenfalls am 18. Februar, und Ostern am 5. April.

Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender. Im Fastenmonat sind Gläubige aufgerufen, täglich von Beginn der Morgendämmerung bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr zu verzichten. Befreit vom Fasten sind etwa alte und kranke Menschen, Kinder, Schwangere, zudem Reisende.

Höhepunkt ist im letzten Drittel des Fastenmonats die „Nacht der Bestimmung“. In ihr wurden nach islamischer Überlieferung dem Propheten Mohammed erstmals Verse des Korans offenbart. Viele Muslime beten diese ganze Nacht durch, da sie auf Vergebung ihrer Sünden hoffen. An Ramadan schließt sich das Fest des Fastenbrechens an, das im Türkischen auch „Zuckerfest“ genannt wird, weil die Kinder Süßigkeiten und Geschenke bekommen. | epd, jjo

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