Im St.-Paulus-Dom in Münster gibt es eine jahrhundertealte Tradition. Was sie mit dem neuen Bischof Heiner Wilmer zu tun hat.
Im vorderen Seitenschiff des münsterschen Paulusdom ziert seit Monaten eine merkwürdige Figur die Wand der Kathedrale: Vorn rechts, direkt gegenüber der berühmten Astronomischen Uhr, ist die Figur des Paderborner Dom- und Bistumspatrons Liborius zu bestaunen – allerdings in einer rätselhaften Pose. Denn der heilige Bischof von Le Mans hält seine rechte Hand ausgestreckt und so, als umgreife er etwas. Man erwartet einen Bischofsstab – doch der fehlt, und das bereits seit einigen Monaten. Doch das wird sich mit dem 21. Juni ändern, wenn Heiner Wilmer in sein Amt als Bischof von Münster eingeführt wird.
Denn dass der heilige Liborius keinen Bischofsstab in der Hand hält, gilt als sichtbares Zeichen für die Sedisvakanz – also dafür, dass der Bischofsstuhl des Bistums Münster nicht besetzt ist.
Münsters Verbindung nach Paderborn
Diese Tradition gibt es nach Angaben des Bistums mindestens seit dem 17. Jahrhundert. „Dass der heilige Liborius überhaupt im Dom zu Münster steht, hat seine Wurzeln im Dreißigjährigen Krieg“, heißt es in einer Pressemitteilung. Domherren aus Paderborn hätten zwischen 1618 und 1648 die Reliquien ihres Bistumspatrons nach Münster gebracht, um sie zu schützen.
Und tatsächlich: Eine Legende erzählt, dass die Stadt Münster wegen ebendieser Reliquien durch den Krieg relativ wenig zerstört wurde. Münsters damaliger Domherr Johann Wilhelm von Sintzig stiftete deshalb für den Dom nach der Besiegelung des Westfälischen Friedens in den Rathäusern von Münster und Osnabrück die besagte Liborius-Statue.
Damit begann auch die erwähnte Tradition: Wenn ein Bischof starb, wurde ihm der Stab des heiligen Liborius mit ins Grab gegeben. Sein Nachfolger musste mit seinem Amtsantritt für einen neuen Stab sorgen.
Domkapitel passt Tradition an
2015 hat das Domkapitel diese Tradition jedoch angepasst. Als 2013 der schon 2008 emeritierte Bischof Reinhard Lettmann starb, war sein Nachfolger Felix Genn bereits seit vier Jahren im Amt. Der Bischofsstuhl war also schon wieder besetzt.
Um den fehlenden Stab dennoch als Zeichen des leeren Bischofsstuhls zu erhalten, änderte das Domkapitel deshalb die Regel: Seitdem wird dem heiligen Liborius der Stab sowohl entnommen, wenn ein Bischof entpflichtet wird, als auch, wenn er im Amt verstirbt. Allerdings wird der Stab nicht mehr in den Sarg gegeben.
15 Monate Sedisvakanz
Als also im März 2025 das Rücktrittsgesuch des damaligen Bischofs Felix Genn angenommen wurde, wurde dem heiligen Liborius der Stab abgenommen. Seitdem wartet das Bistum Münster auf einen neuen Bischof – und der Paderborner Patron auf seinen Stab.
Ein Jahr später wurde der aktuelle Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer, als neuer Bischof von Münster ernannt. Wilmer wird am 21. Juni im Paulusdom in Münster in sein Amt eingeführt. Am 29. Juni, dem Gedenktag der Apostel Petrus und Paulus, wird auch für den heiligen Liborius wieder alles gut – und er erhält nach 15 Monaten seinen Bischofsstab zurück.