Viele sagen, dass das Lebensende nicht menschenwürdig sei. Die Hospizbegleiterin Christiane Eicke erzählt eine ganz andere Geschichte.
Ihr erster Auftrag als Hospizbegleiterin war gleich eine Herausforderung. Christiane Eicke erinnert sich noch gut an den Moment, als sich die Tür des Zimmers im Altenheim öffnete, in dem die alte Dame lebte. Die Koordinatorin des Hospizdienstes war bei diesem Kennenlernen dabei.
Das Team des Vereins aus dem oldenburgischen Damme (Kreis Vechta) kannte die Seniorin und ihre Lage und hatte vorher gut überlegt: Welche Ehrenamtliche passt für sie am besten? Wer könnte sie am ehesten auf der letzten Etappe ihres Lebenswegs begleiten?
Sterbebegleitung ist nicht einfach
Klar war: Es würde keine leichte Aufgabe werden. Die alte Dame – blind und bettlägerig – wusste genau, was sie wollte und forderte das auch nachdrücklich ein. Vielleicht war auch das der Grund, warum die Verantwortlichen im Hospizverein ausgerechnet Christiane Eicke die Aufgabe zutrauten: der Frau, die als Berufsschullehrerin mehr als 45 Jahre Erfahrung im Umgang mit Menschen mitbrachte, auch mit Konflikten.
„Ich habe sie angefordert“, hatte die Seniorin gleich zu Beginn des ersten Gesprächs in forderndem Ton mehr verkündet als gesagt, „und da erwarte ich, dass sie sich jetzt auch um mich kümmern!“ Christiane Eicke lächelt im Rückblick nachsichtig.
Der erste Kontakt ist distanziert
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Zweieinhalb Jahre dauerte diese Begleitung. Der anfangs raue Ton änderte sich mit der Zeit. „Ich habe ruhig und besonnen reagiert. Immer freundlich“, sagt Christiane Eicke. Ganz so, wie sie es im Vorbereitungskurs für ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen und -begleiter gelernt hatte. Anfangs noch per „Sie“. Bis sie nach und nach das Schicksal der Frau kennenlernte.
Deren zwei erwachsenen Kinder hatten die Mutter nach einem Krankenhausaufenthalt im Altenheim „untergebracht“. Pragmatisch. Sie unterschrieben Formulare und Verträge, regelten von ihren weiter entfernten Wohnorten aus alle rechtlichen und finanziellen Fragen – meist telefonisch. Ansonsten kümmerten sie sich wenig.
Hospizverein: Assistierter Suizid ist kein Weg
„Ich habe sie in zweieinhalb Jahren niemals kennengelernt“, sagt Christiane Eicke, nennt das „traurig“ und beschreibt, wie sie nach und nach zur wichtigsten Bezugsperson für die Seniorin wurde. Fast bis zum Tode habe sie sie begleitet. Auch, als es um ein schwieriges Thema ging: den assistierten Suizid.
„Sie war sehr interessiert an allem und hatte im Radio davon gehört. Und sie wollte das für sich auch.“ Christiane Eicke zuckt mit den Schultern und beschreibt das Dilemma: „Ich hatte Verständnis für ihre Haltung. Aber wir haben im Hospizverein nach intensiven Diskussionen ganz klar entschieden: „Wir begleiten schwerkranke Menschen mit dem Ziel, ihr Leben bis zuletzt lebenswert und würdevoll zu gestalten. Der assistierte Suizid ist für uns kein Weg, denn unser Fokus liegt darauf, das Leben in all seinen Phasen zu unterstützen und zu schützen“.
Trost in den letzten Monaten
Also versuchte sie, die Frau auf andere Gedanken zu bringen. „Wir haben bei unseren monatlichen Treffen im Hospizverein darüber gesprochen, wie wir uns in solchen Situationen verhalten können. Ich habe sie getröstet und versucht, ihr eine schöne Zeit zu machen. Das gelang schließlich auch.“
In den letzten Monaten ihres Lebens gingen der alten Dame sowieso andere Themen durch den Kopf. Eine Demenz hatte ihren Geist nach und nach immer mehr getrübt und verändert. Die Gespräche drehten sich irgendwann nur noch um Kriegserinnerungen.
Nicht alle Menschen konnten Abschied nehmen
Christiane Eicke lächelt, als sie sich an die nun ganz anderen Besuche erinnert. Die Frau habe ihr all das erzählt, was sie selber während des Krieges erlebt hatte und bis heute bewegt. „Wir saßen gemeinsam im Bunker und über uns waren Soldaten. Es war eine Art Rollenspiel.“
Als sie Ende 2023 die Nachricht vom Tod der Frau erreichte, fuhr die Hospizbegleiterin, sobald sie konnte, zum Altenheim. Aber sie kam zu spät. „Die Kinder hatten den kurzfristigen Abtransport durch einen Bestatter organisiert.“ Christiane Eicke schüttelt den Kopf. Selbst im Heim hätten nicht alle aus dem Team Abschied nehmen können. „Ich selbst auch nicht“, sagt sie mit Bedauern in der Stimme. „Das fand ich ganz tragisch.“
Schon damals hatte sie parallel die Begleitung einer weiteren Dame übernommen, die bis heute andauert. Zuerst zu Hause und mittlerweile in einem Altenwohnheim. „In ihrer eigenen Wohnung ging es nicht mehr.“ Weil die Frau das nicht einsah, dauerte es bis zu einem Unfall, bis sie sich mit dem Wechsel in ein Heim einverstanden erklärte.
Hilfe für Menschen, die ganz allein sind
Sie hat keine näheren Verwandten. Sodass Christiane Eicke mittlerweile mehr Aufgaben übernommen hat als in der Hospizbegleitung üblich. In den vergangenen sechs Wochen war sie jeden Tag bei ihr. „Gleich fahre ich auch wieder hin“, erzählt sie.
Die bettlägerige Frau ist noch in der Kurzzeitpflege und soll bald einen dauerhaften Heimplatz bekommen. Bis dahin kümmert sich Christiane Eicke zum Beispiel auch um ihre Wäsche. Außerdem hat sie vorübergehend einen Teil der gesetzlichen Betreuung übernommen. Wenn etwas geregelt werden muss, dann hört sie von der Dame oft den Satz: „Frau Eicke muss das entscheiden!“
Die Hospizbegleiterin weiß, dass vielleicht mehr Abgrenzung gut wäre. „Aber so etwas ergibt sich eben manchmal, wenn keine weiteren Angehörigen da sind. Die Frau wäre ja sonst mutterseelenallein.“
Begleitung in Gemeinschaft
Die Vertrautheit schenkt Christiane Eicke aber auch ein gutes Gefühl. „Dass wir es diesen alleinstehenden Menschen noch einmal ermöglichen, so etwas wie Freundschaft und Gemeinschaft zu erleben.“
Gemeinschaft, die sich bei ihrer aktuellen Hospizbegleitung in vertrauensvollen und tiefen Gesprächen ausdrückt. Manchmal über die kleinen Ärgernisse und den Frust des Alltags, ein andermal auch über den Tod, das eigene Sterben, über Erwartungen, Glauben und Hoffnung.
Keine Ruhe in der Pension
Ganz schön viel Arbeit und Verantwortung für eine 71-jährige Frau, die sich nach ihrer endgültigen Pensionierung im letzten Sommer auch ein ruhigeres Leben machen könnte – und stattdessen seit 2021 als Vorsitzende den Hospizverein Damme führt – mit 45 Ehrenamtlichen und 160 Mitgliedern.
„Aber als Witwe bin ich frei für diese Arbeit“, sagt Christiane Eicke und lässt dabei spüren, wie gerne sie sie tut. Ihr Mann ist vor ein paar Jahren gestorben. Sie lebt allein in ihrem Haus, Tochter und Enkelin nebenan. Der Sohn und seine Familie in einem Nachbarort.
Sterbebegleiterin: Geben ist wichtig
Ob ihr Glaube bei ihrem Einsatz eine Rolle spielt? „Ich weiß nicht“, sagt Christiane Eicke schulterzuckend. Und meint dann: „Christ sein, das ist es. Menschenliebe. Ich mag Menschen.“ Nach einem Moment des Nachdenkens fügt sie an: „Ich glaube, dass das Geben eine Rolle spielt. Etwas geben – und andere sind zufrieden. Ich glaube, dass das etwas ist, was mich selbst zufrieden macht.“
Bei beiden von ihr begleiteten Damen hat sie erfahren, wie sehr ihre Arbeit sie auch selbst bereichert hat. „Diese Dankbarkeit, die ich spüre. Und es ist doch so: Wenn man das Gefühl hat, gebraucht zu werden, dann ist man ein Mensch!“