„... UND WURDE MENSCH“ (5)

„Natürlichkeit fühle ich“

Elena stammt aus dem Münsterland und lebt in Hamburg endlich so, wie es immer für sie richtig war. Auch, als sie noch Sohn, Bruder und Freund war.

Sie redet wie ein Wasserfall. Erzählt und erzählt, wie das so ist, wenn einem das Herz überläuft. Weil endlich alles klar ist. Und sie lange nicht darüber reden konnte. „Vor einem Jahr habe ich das erste Mal das Gefühl gehabt: Wenn es so bleibt, passt es für mich. Das erste Mal in meinem Leben“, sagt sie sehr überzeugt. „Das ist ein ziemlich gutes Gefühl.“ 

Elena ist 26, stammt aus einem Dorf im westlichen Münsterland. Da ist sie aufgewachsen, behütet, sorgenfrei. War Teil einer Freundesbande mit dem Nachbarsjungen und der Schwester, war Torwart im Fußballverein – und sie war Bruder, Freund und Sohn. Denn: Elena ist als Junge aufgewachsen. Sie hieß natürlich anders, und eine ganze Reihe von persönlichen Angaben in dieser Geschichte sind verändert, damit sie trotz ihres Selbstbewusstseins keine Probleme etwa im Job bekommt.

Klackerschuhe in der Kita

Heute lebt sie in Hamburg in einer kleinen Wohnung mit Blick ins Grüne, macht eine Ausbildung im öffentlichen Dienst. Elena wirkt gelassen und zufrieden. Und ein bisschen stolz. Mit beiden Händen streift sie ihre langen Haare hinter die Ohren, immer wieder, wenn sie besonders begeistert erzählt.

Zum Beispiel, dass sie längere Haare „eigentlich immer schon hatte“. Und wenn man wolle, könne man daraus natürlich etwas lesen, sagt sie. „Muss man aber nicht.“ Und im Kindergarten hatte sie Spaß daran, „beim Verkleidenspielen Mädchenklamotten anzuziehen und mit Klackerschuhen, fünf Nummern zu groß, über die Kitaflure zu stöckeln“. Aha, soll man jetzt meinen, da sieht man’s ja. Elena macht den Verdacht mit Lust und einem verschmitzten Lächeln zunichte. „Alles Blödsinn. Das haben andere Jungs genauso gemacht. Das heißt noch gar nichts.“ Pause. „Aber für mich bedeutete das alles.“

Sie merkt schon früh, dass etwas nicht zusammenpasst

Themenwoche: „... UND WURDE MENSCH“
Die wichtigste Botschaft von Weihnachten: Gott wurde Mensch. Darum erzählen wir in unserer exklusiven Weihnachts-Themenwoche die bewegenden Menschwerdungs-Geschichten von acht Frauen und Männern.

Heute ist Elena „eher Fraktion Sneakers als Pumps“, trägt meist Unisex-Klamotten, schminkt sich bestenfalls ab und an und irritiert manche mit ihren 1,91 Metern Körpergröße. Aber sie hat das erreicht, was sie wollte: Sie ist eine Frau. So steht es in ihrem Ausweis. Und so sieht es aus, wenn sie mit ihren Freundinnen in der Sauna ist. Was sie sehr genießt, weil „dann alles einfach offensichtlich ist und zusammenpasst.“

Dass etwas ganz und gar nicht zusammenpasste, habe sie schon ganz früh gewusst. In der Zeit mit den Klackerschuhen schon. „Ich weiß, ich bin ein Junge, aber eigentlich bin ich ein Mädchen. Das habe ich schon im Kindergarten gesagt, ohne natürlich zu wissen, dass es das wirklich gibt.“ Lange dachte sie, „ich wäre der einzige Mensch auf der Welt, dem es so geht“.

Schwimmen war schlimm

Nach der Grundschulzeit wurde es richtig schlimm. Beim Schwimmunterricht. Wo mitten unter lauter Jungs so offensichtlich war, dass sie doch auch einer ist – aber alles in ihr sich dagegen wehrte. Noch ein paar Jährchen später, beim Fußballtraining, wurde es unerträglich. „Es gab eine Duschpflicht“, erzählt Elena. „Also habe ich als Erste nur ganz kurz geduscht oder ganz am Ende ewig getrödelt. Oder ich bin einfach so abgehauen – und hab eine Strafe kassiert. Für mich war das extrem stressig.“ Und es wurde immer schlimmer, sodass sie schließlich ganz mit dem Fußball aufhörte. 

Und dann kam dieses Schlüsselszene, wieder beim Schwimmen. Elenas Familie macht viel Sport. „Dieses Bild werde ich nie vergessen“, erzählt Elena: „Wie meine Mutter und meine Schwester neben vielen anderen Frauen vor den Spiegeln standen und sich die langen Haare föhnten.“ Und wie sie spürte: „Da möchte ich jetzt auch stehen …“

Positive Reaktionen im Freundeskreis

Seitdem begann sie, Menschen von sich, von ihrem Unbehagen und von ihren Gefühlen zu erzählen. Anfangs per SMS nur lockeren Freundinnen, bei denen es nicht so weh getan hätte, wenn sie nicht verstanden hätten. Aber sie verstanden, alle. „Das war so ein erstes Druckablassen“, sagte Elena. 

„Und nach der ersten guten Reaktion kam die nächste Person, sodass ich mich langsam durch meinen Freundeskreis gearbeitet habe. Das war ziemlich durchgeplant.“ Es gab nicht einen Einzigen, der das schräg fand.

Unterstützung durch die Familie

Außer in der Nachbarschaft. Ausgerechnet der Junge, den Elena bis zum Erwachsenwerden als besten Freund bezeichnet, reagierte merkwürdig. „Wenn du so bist wie Olivia Jones, dann können wir keine Freunde mehr sein“, habe er gesagt. Er hatte die ziemlich schrille, laute Travestie-Künstlerin aus Hamburg vor Augen. „Aber als ich ihm erklärte, dass es bei mir um etwas völlig anderes geht und ich nun wirklich das krasse Gegenteil einer Drag-Queen bin, war er ziemlich beruhigt.“ 

Die größte Angst aber hatte sie davor, sich ihren Eltern zu offenbaren. Das klappte zwar nicht ganz so, wie sie es sich einmal mehr akribisch ausgedacht hatte – per Brief, den sie auf dem morgendlichen Küchentisch legte und dann zur Schule verschwand. Doch letztlich haben sie in ihrem Zimmer gesessen und ausführlich geredet, gefragt, erklärt, ermutigt. „Am Ende lagen wir uns in den Armen, und es war klar: Sie würden mich bei allem unterstützen.“ Elena atmet durch. „Das war das verdammt beste Gefühl!“

Körperliche Verwandlung

Dann konnte es konkret werden. Für Elena begann ein schwerer, aufwändiger Weg. Der begann beim Kinderarzt, der Kontakte zu einer Psychiaterin und zur Uniklinik Münster knüpfte. Ein Jahr nach dem Eltern-Gespräch, da war sie 15, wurde untersucht, wie weit die Pubertät schon fortgeschritten ist. Manche körperliche Entwicklungen etwa bei Knochen, Körpergröße, Gesichtszügen, Stimme sind irreversibel. „Den Anfang des Stimmbruchs habe ich noch mitbekommen, sodass meine Stimme zwar nicht sehr hoch, aber auch nicht sehr tief ist“, erzählt Elena. „Und gewachsen bin ich halt. Aber mit Körperbehaarung, Bartwuchs bin ich extrem gut weggekommen. Das ist für mich unglaublich wichtig.“

Die diversen Ärzte berieten sich und stimmten einer Behandlung mit Hormonblockern zu, um die weitere pubertäre Entwicklung zu hemmen. Bevor sie auch die weiblichen „Gegenhormone“ erhalten konnte, musste Elena für ein Erprobungsjahr in der gewählten Rolle leben – mit neuem Namen, entsprechender Kleidung. „Um zu schauen: Ist das das Richtige für mich? Kann ich das mit meinem sozialen Umfeld vereinbaren?“ Da wussten schon längst alle Bescheid, nicht nur im Freundeskreis, auch die komplette Verwandtschaft. „Am coolsten war mein Opa mütterlicherseits. Da hätte ich gedacht, dass er doch ziemlich konservativ ist. Aber er hatte überhaupt kein Problem.“

Sport als Stütze

In dieser Erprobungszeit erfuhr sie davon, dass ihr alter Fußballverein Spielerinnen für eine Frauenmannschaft suchte. Sie erklärte dem Trainer ihre Situation, fragte, ob sie mitspielen kann – und gehörte ab dann fünf, sechs Jahre zum Team. Zu einem „super Frauen-Team“, wie Elena schwärmt: „Das war ein ganz wichtiger Faktor dafür, dass es mir in diesem Erprobungsjahr so gut ging. Das hat ganz viel mit meinem Selbstbewusstsein gemacht.“

Und dann, gleich nach dem Abitur, kam die größte Veränderung: die geschlechtsangleichende Operation. Ein Spaziergang sei das wahrlich nicht gewesen, bekennt Elena, schließlich dauerte der Eingriff mehr als vier Stunden, auf den noch ein etwas kleinerer folgte. Zwei Wochen musste sie in der Klinik bleiben. „Neben mir im Zimmer lag eine Frau, die schon Mitte 50 war. Sie hatte erwachsene Kinder, eine Beziehung. Dann sein ganzes Leben umzukrempeln, ist unvergleichbar schwieriger als für mich, die ich am Anfang meines Lebens stehe.“

Elena: Niemand geht fahrlässig diesen Weg

Rund 3.000 Menschen jährlich unterziehen sich in Deutschland inzwischen geschlechtsangleichenden Operationen, die meisten in den 20er-Jahren. Die Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt. Ein voreiliger Trend mit dramatischen Folgen für den Rest des Lebens? Elena widerspricht: „Dieser Weg ist voll mit so viel Angst vor Gesprächen mit Freunden, Familie und Verwandten, voll mit Unmengen von Bürokratie, mit diversen Gutachten und Gesprächen mit Psychiatern und Psychologen, Endokrinologen und anderen Ärzten, auch die Hormonbehandlung ist nicht ohne, von den Operationen ganz zu schweigen. Diesen Weg geht niemand fahrlässig, weil es eine Mode wäre oder weil man nicht genug nachgedacht hätte.“ 

Sie wollte, sagt sie, nie einfach nur an sich etwas ändern, das ihr nicht gefallen habe. „Ich habe nie meinen Charakter, meine Persönlichkeit verändert, sondern meinen Namen und meinen Körper.“ Und jetzt, nachdem all das geschafft ist? Was empfindet sie? Da wird Elena ganz leise. „Natürlichkeit fühle ich“, sagt sie. „Und Freiheit.“

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