RUHE FÜR KÖRPER UND SEELE (1)

Wie passen Yoga und christlicher Glaube zusammen, Herr Megier?

Henryk Megier war Mönch und ist Yogalehrer, der Kurse auch im Kloster anbietet. Warum das gut funktioniert, sagt er im Interview mit Kirche+Leben.

Herr Megier, was ist überhaupt Yoga?

Im Sanskrit bedeutet Yoga die Vereinigung von Körper, Geist und Seele. Da ist die ursprüngliche Wurzel. Ich persönlich sage: Yoga ist eine bewusste Bewegung, die mit dem Atem verbunden ist. Es geht darum, unser Innen und Außen in Einklang zu bringen.

Manche verbinden mit Yoga ganz merkwürdige Verrenkungen. Ist Yoga schwer?

Es gibt ganz einfache Haltungen, aber auch sehr komplexe. Das hängt von den unterschiedlichen Yogaschulen ab. Beim Asthanga-Yoga beispielsweise geht es um sehr anspruchsvolle, auf Ausdauer ausgerichtete Übungen, bei denen der Körper sehr diszipliniert wird. Andere sind sanfter unterwegs. Ich selbst bin eher dem Iyengar-Yoga und dem Hatha-Yoga verbunden, weil damit eher heutige Europäer angesprochen werden, die von Natur aus nicht so gelenkig sind, wie etwa Menschen aus dem asiatischen Raum.

Wie haben Sie Yoga entdeckt?

Während einer Lebenskrise in meiner Klosterzeit. Wir sind im Christlichen sehr stark darauf ausgerichtet, dass wir uns um den Nächsten kümmern – und dabei mitunter die Selbstsorge vergessen. Die letzten fünf, sechs meiner 19 Jahre als Benediktiner haben mich auch körperlich sehr mitgenommen. Ich habe als Kunstschmiedemeister die eigene Klosterwerkstatt geleitet und mir durch die viele Arbeit sozusagen ein „Korsett“ um meinen Körper erschaffen. Das führte zu Steifheit, Unbeweglichkeit und Schmerzen. Eine längere Auszeit, Exerzitien mit täglich vier Stunden Meditation und drei Stunden Yoga haben mir gezeigt: So geht es nicht weiter. Ich habe ein Jahr gebraucht – mit Stille und Yoga –, um wieder zu mir, zur Beweglichkeit, Empfindsamkeit, Haltung und Lebendigkeit zu kommen. Ich war endlich wieder Henryk. Diese Begeisterung hat mich dazu geführt, auch eine Ausbildung als Yogalehrer zu machen.

Für wen ist Yoga etwas? Nur für junge, nur für Frauen?

Yoga kennt kein Alter und kein Geschlecht. Ich habe im Kindergarten Yoga unterrichtet, und ich hatte einen Schüler, der 101 Jahre alt war. Yoga unterstützt sowohl die körperliche Beweglichkeit als auch die geistliche Offenheit. Durch die Yogapraxis wird der Mensch wieder in seinen inneren Tempel „heimgeholt“ und für sein Leben als Mensch sensibilisiert.

Sie bieten Yoga auch in Kursen in einem Kloster an. Wie passen Christentum und das eher östlich orientierte Yoga zusammen?

Yoga ist für mich keine Religion, eher eine Philosophie und Lebenshaltung, die mich zu mehr Bewusstheit, persönlicher Präsenz und Fühlung bringt – also eine Rückbindung an mich selbst und an das Göttliche. Daher gibt es im Yoga ja auch den Gruß „Namasté“. Man legt beide Handflächen aufeinander, verneigt sich, spricht „Namasté“ und verneigt sich vor dem anderen. Das heißt: Ich grüße das Göttliche in dir. Das kennen wir im Christentum genauso: Wir sehen im Nächsten Jesus. Es geht weniger um Fitness und Wellness, sondern darum, dem Göttlichen in uns auf die Spur zu kommen. Ob hinduistisch oder christlich-mystisch – es führt zum gemeinsamen Grund, der uns alle verbindet. Und das geht vor allem über den Atem: In jedem Atemzug übe ich mich in diese Präsenz des Göttlichen in mir ein. In dieser Verbindung zu leben, schafft eine unerschöpfliche Kraft und Dankbarkeit für den nächsten Atemzug. Ein Leben lang.

Manche sagen, Yoga sei eine Mode, weil nicht zuletzt auch prominente Menschen es praktizieren. Was sagen Sie?

Themenwoche: Wie Körper und Seele zur Ruhe kommen
In der Adventszeit sehnen sich viele Menschen bei all dem Trubel nach Ruhe und Besinnung. Aber wie kann das gelingen? Kirche+Leben hat mit Menschen gesprochen, die auf ganz unterschiedliche Wege setzen. In fünf Folgen unserer exklusiven Kirche+Leben-Themenwoche zeigen wir, wie Körper und Seele zur Ruhe kommen können – und wie der Glaube dabei hilft.

Keine Frage, das ist ein Stück Zeitgeist. Aber ich finde es schon auch traurig, dass unser Christentum es nicht geschafft hat, den biblischen Gedanken vom Leib als Tempel des Heiligen Geistes wirklich zu leben. Dabei beginnt jede Gottessuche durch unseren Leib, nicht nur unsere Gedanken-Konstrukte. Die Wüstenväter haben das noch gekonnt und eingeübt.

Das müssen Sie erklären!

Na, denken Sie allein ans Fasten, an Meditation, das Atemgebet, das Herzensgebet … Die Altväter sind da dem Zen-Buddhismus ganz nah: Ich tue, was ich gerade bin, in voller Bewusstheit und Verbundenheit. Es geht um Achtsamkeit. Mit Benedikt von Nursia gesagt: Gott in allen Dingen zu finden.

Welchen Tipp würden Sie Menschen geben, die Yoga gern einmal ausprobieren wollen – reicht ein Video bei YouTube?

Als Einstieg würde ich eher empfehlen, eine Yoga-Schule aufzusuchen und auszuprobieren. Es ist immer die Frage, was ich suche und was mir guttut. Komme ich mit dem Lehrer klar? Spricht er mich an? Kann er mich mitnehmen? Ich würde sagen: Einfach dreimal hingehen und dann entscheiden, ob es passt. Junge Menschen brauchen mehr Bewegung und Fitness, ältere suchen eher Ausgleichsübungen, Spannung und Entspannung, und natürlich Stille.

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