RUHE FÜR KÖRPER UND SEELE (5)

Wie uns Zen-Meditation zur Ruhe bringen kann

Wer aus dem Alltag aussteigen möchte, kann in der Zen-Kontemplation Stille und Ruhe erfahren. Justinus Jakobs praktiziert diese Übungen seit Jahren.

Herr Jakobs, was bedeutet Zen-Meditation?

Es gibt die schon fast klassisch gewordene Kurzdefinition von Pater Hugo Lassalle SJ, dem Pionier des Zen für Christen, der einmal sagte: „Sich in seinem Leibe aufrichten und in seinen Gedanken lassen.“ Und das macht deutlich, dass es im Zen nicht nur um die Übung des Sitzens in Meditationshaltung geht, sondern um eine Lebenshaltung, die den Alltag durchformt. Denn in all unserem Tun und Lassen geht es darum, sich leiblich aufzurichten und die Gedanken zu lassen. Die Übung des Sitzens im engeren Sinn, das sogenannte Zazen, ist zunächst eine Praxis des absichtslosen Daseins in Stille und darin auch eine Initiation dieser aufrichtigen und gelassenen Lebenshaltung. In keinem Fall dürfen wir Zen auf Sitzmeditation reduzieren. Es ist wichtig, dieses Sitzen im Alltag zu üben, aber noch wichtiger ist es, dass unser Alltag zu einer Übung wird.

Welche Vorzüge haben Meditationen für den Alltag?

Themenwoche: Wie Körper und Seele zur Ruhe kommen
In der Adventszeit sehnen sich viele Menschen bei all dem Trubel nach Ruhe und Besinnung. Aber wie kann das gelingen? Kirche+Leben hat mit Menschen gesprochen, die auf ganz unterschiedliche Wege setzen. In fünf Folgen unserer exklusiven Kirche+Leben-Themenwoche zeigen wir, wie Körper und Seele zur Ruhe kommen können – und wie der Glaube dabei hilft.

Dogen Zenji (1200-1253), einer der bedeutendsten alten Meister der Zen-Tradition, sagt über Zen: „Dies ist nicht nur Üben im Sitzen, sondern wie ein Hammer, der die Leere anschlägt – vorher und nachher klingt sein feiner Klang überall hin.“ Das ist eine sehr reale Erfahrung von Menschen, die mit Sitzmeditation vertraut sind: Dass eine gelöste und dichte Erfahrung, wirklich mit sich selbst, dem eigenen Leben und allen Wesen verbunden zu sein, mit denen wir unser Leben teilen, sich durch den Alltag zieht.

Sie leiten die Münsteraner Regionalgruppe des Programms „Leben aus der Mitte – Zen-Kontemplation“ und bieten damit einen Weg der Hinführung zur Stille-Meditation an. In der Integration von buddhistischer Zen-Tradition und christlicher Kontemplation soll der Weg der Glaubenserfahrung zu einem Lebensprogramm im Alltag werden. Wie ist diese Verbindung der buddhistischen und christlichen Meditation entstanden?

Indem ein Christ sich unter der Leitung eines weltoffenen buddhistischen Meisters von der östlichen Weise der Meditation ansprechen ließ. Dieser Christ war der schon angesprochene Pater Hugo Makibi Enomiya-Lassalle, ein Jesuit und Japan-Missionar. Und der Buddhist war Yamada Roshi, Leiter einer Zen-Laiengemeinschaft in Kamakura/Japan. Beide waren sie gezeichnet durch das Erlebnis der Atombombe von Hiroshima am 6. August 1945, deren Überlebende und Zeugen sie waren.

Was ist aus dieser Verbindung entstanden?

Über die kulturelle Prägekraft hinaus entdeckte Pater Lassalle im Zen die Möglichkeit einer Vertiefung im Glauben und lud in den 1970er Jahren interessierte Christen – Ordensleute, Priester und Laien – ein, nach Japan zu kommen. Darunter war der Pallottiner Johannes Kopp (1927-2016), der 1972 begann, Meditationskurse im Bistum Essen anzubieten und damit den Grundstein für das Programm „Leben aus der Mitte – Zen-Kontemplation“ legte. Der Bindestrich zwischen „Zen“ und „Kontemplation“ war sein Lebensmotto: Östliche und westliche Meditationsweisen sollen sich im Übenden gegenseitig befruchten, also so etwas wie ein intra-religiöser Dialog. Heute zählt das Programm etwa 20 Lehrer und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und hat seinen Sitz am Meditationszentrum in Hattingen/Ruhr. Die Sesshins, wie die mehrtägigen Kurse genannt werden, finden in Klöstern und Bildungshäusern statt.

Sie sind katholischer Theologe, haben einige Zeit als Mönch in benediktinischen Mönchsgemeinschaften gelebt und verfügen über eine langjährige Praxis in Zen-Meditation, Yoga und anderen Formen der Körpermeditation. Ihr Lebensweg ist spirituell geprägt. Was raten Sie anderen Menschen, die auf der Suche nach sich selbst und nach Gott sind?

Ich sage ihm: Stellen Sie sich der eigenen Sehnsucht und dem eigenen Schmerz! Haben Sie den Mut, da hineinzuspüren! Bleiben Sie damit nicht allein! Lassen Sie sich helfen, sich damit anzunehmen und darin ihre eigene Spur zu finden! Ob diese Hilfen Psychotherapie, Lebensberatung oder Geistliche Begleitung heißen, ist zwar nicht unbedeutend, aber letztlich nicht entscheidend. Entscheidend ist eine menschlich integre, erfahrene und fachkundige Begleitung.

Die Stille ist eine wunderbare Lehrerin – heißt es gelegentlich. Andere sprechen von der Kraft des Schweigens. Braucht die Kirche eine neue Mystik oder eine Wiederentdeckung ihrer eigenen mystischen Tradition?

Zumindest bin ich mir sicher, dass in dieser Tradition noch viele ungeborgene Schätze liegen. Die Kirche hatte bei aller Ehrfurcht immer auch Angst vor der Mystik. Die Mystik entsteht eben da, wo Menschen sich der Unverfügbarkeit des Lebens stellen und anheimgeben. Und die Gotteserfahrungen, die sie dabei machen, sind nicht nur ebenso unverfügbar, sondern auch unkontrollierbar. Auch wenn es so oft zitiert wurde, dass man es nicht mehr hören mag: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein“, hat der große Theologe Karl Rahner schon vor mehr als 40 Jahren gesagt. Aber ist der abgründige Ernst seines Satzes wirklich verstanden worden – „oder er wird nicht mehr sein“? In gewisser Weise ist das heute Wirklichkeit geworden. Der Mystiker aber ist nach Rahner „einer, der etwas erfahren hat“. Der die eigene Leere und die Leere aller Dinge erfahren hat und mit der Ahnung in Kontakt gekommen ist, dass genau da, wo wir eigentlich nicht hinwollen, der „gegenwärtige Christus in uns“ anzutreffen ist.

Zur Person
Justinus Jakobs ist katholischer Theologe. Er lebte einige Jahre in benediktinischen Mönchsgemeinschaften. Heute leitet er eine heilkundliche Praxis für Psychotherapie und Beratung. Er besitzt eine langjährige Praxis in Zen-Meditation, Yoga und anderen Formen der Körpermeditation und ist Ansprechpartner der Regionalgruppe des Programms „Leben aus der Mitte – Zen-Kontemplation“. Die Regionalgruppe Münster trifft sich regelmäßig im Zen-Institut Münster. Informationen und Angebote finden sich unter www.zen-kontemplation.de.

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