MIGRATION

Sie schaffen das: Ein Ehepaar hilft Flüchtlingen – nicht erst seit 2015

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„Wir schaffen das“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor zehn Jahren. Stimmt, sagen zum Beispiel zwei Helfer aus Gescher.

Sie waren schon "alte Hasen" in der Migrationsarbeit, als vor zehn Jahren die Zahl der Geflüchteten aufgrund des Bürgerkriegs in Syrien stieg. Bereits seit 1990 engagierten sich Anna und Norbert Furth aus Gescher im Kreis Borken ehrenamtlich für Menschen auf der Flucht. Erst aus dem ehemaligen Jugoslawien, dann aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Afrika.

Die Motivation der Eheleute ist die gleiche geblieben, seit sie damals die drei Familien besuchten, die mit einfachen Matratzen in einer Garage untergebracht waren: „Schauen wir mal, was wir für sie tun können.“

Kleine Hilfe, große Wirkung

„Wir gehen dahin, wo wir gebraucht werden“, sagt Norbert Furth. „Und da gibt es bei Geflüchteten immer viele Dinge.“

Kleine, alltägliche, menschliche Hilfestellungen, die für die Menschen aber oft Großes bedeuten. Der gespendete Schul-Rucksack, das Organisieren einer warmen Winterjacke oder die Spendensammlung für ein neues Bett gehören genauso dazu wie die Fahrt zum Behördentermin, die Übersetzungshilfe beim Arzt oder der Deutschunterricht.

Der Sommer 2015

„In diesen Augenblicken zählt nicht nur die konkrete Hilfe“, sagt der 76-Jährige. „Das Gefühl, dass da jemand ist, dem ihre Situation nicht egal ist, empfinden die Geflüchteten als genauso wertvoll.“

Im Sommer 2015 nahm ihre Arbeit noch einmal richtig Fahrt auf. Eigentlich hatten sich der gerade pensionierte Lehrer und die pensionierte Erzieherin auf etwas Freizeit gefreut. Aber die Berichte vom Kriegsausbruch in Syrien bekamen auch in Gescher schnell konkrete Gesichter. Eine Versammlung im Pfarrsaal zeigte, wie notwendig jetzt alle helfenden Hände waren.

„Herausgefordert, nie überfordert“

„Das war keine Last, das war eine bereichernde Situation für uns“, sagt Anna Furth. „Wir haben uns herausgefordert gefühlt, aber nie überfordert.“

Weil es immer wieder Augenblicke gab, die Mut machten und Kraft gaben. „Immer dann, wenn wir spürten, dass wir im Leben der Menschen etwas bewegen, etwas zum Besseren wenden konnten.“

„Herausragende Erlebnisse“

Wenn sie gemeinsam Hürden nahmen, neue Perspektiven eröffneten. Wenn Kinder in den Sprachkursen begannen, fließend Deutsch zu sprechen. Wenn Behörden durch das richtig ausgefüllte Formular neue Schritte bewilligten. Wenn sie durch Gespräche Ängste nehmen und Zuversicht schenken konnten.

Dann gab es „herausragende Erlebnisse“, wie Norbert Furth sie nennt. „Ich begleitete einen Syrer mit dem Auto zum Ausländeramt“, erzählt er. Die Angst des Geflüchteten vor dem Gespräch mit den Beamten sei zu spüren gewesen. Sein Wunsch klingt Furth immer noch in den Ohren: „Geh bitte mit, Papa Norbert.“

Kleine und große Erfolge

Nicht weniger gerührt spricht seine Frau über die Geburten, bei denen sie junge geflüchtete Frauen begleitete. „Manchmal bis in den Kreißsaal hinein.“ Noch heute hat sie Kontakt zu vielen der damals Geborenen. „Sie sind mir ans Herz gewachsen. Sie empfangen mich jedes Mal wie ihre Großmutter.“

Es gibt ungezählte dieser kleinen Geschichten. Ebenso viele große: Familien können aus der Flüchtlingsunterkunft in eine Wohnung ziehen, Geflüchtete bekommen eine Ausbildungsstelle, Familien treffen sich nach langer Zeit der Flucht wieder.

Die schweren Momente

Es gab auch schwere Momente: Nicht zu verhindernde Abschiebungen, Menschen mit erschreckenden Kriegs-Traumata, blockierende Bürokratie. „Manche Helfer hat das so frustriert, dass sie aufgegeben haben“, sagt Norbert Furth.

Nicht die Furths. Sie ziehen weiter Kraft aus den Begegnungen mit den Kulturen, den Lebensgeschichten, der Dankbarkeit, die sie erfahren dürfen.

Noch immer motiviert

Auch wenn sich der Wind in der Gesellschaft in den vergangenen zehn Jahren gedreht habe, sagen sie. Wenn auch sie spüren, dass Motivation und Zuspruch vieler Helfer längst nicht mehr so sind wie 2015: „Jeder, der einmal zu einem syrischen Kindergeburtstag eingeladen wurde und dort spüren kann, wie glücklich diese Menschen über ihre Sicherheit und Perspektive sind, wird unsere Hilfe nicht in Frage stellen.“

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