SICHTWEISEN

Fenster

Manchmal kann man putzen und putzen, doch die Schlieren auf dem Glas bleiben. Wie werde ich durchlässig fürs Licht, für den Geist, für Gott?

20. Mai 2026

Text: Annette Höing | Foto: barbaracascao (pixabay)

Die Fenster sind frisch geputzt. Beim Blick von der Seite sehe ich Schlieren auf der Scheibe. Also poliere ich noch einmal nach und prüfe erneut. Nun sind die Schlieren weg, aber an einer anderen Stelle sind neue aufgetaucht. Mir scheint, die Schlieren verschieben sich nur, je energischer ich poliere. Vielleicht muss ich mit ein paar Fensterschlieren leben? Man sieht sie ja erst, wenn man im falschen Winkel auf die Fensterscheibe schaut.

Ich wäre auch gerne wie eine blitzblanke Fensterscheibe. Alles Lichte und Gute, das mir begegnet, könnte ungebrochen in mich hineinfließen und mich innerlich hell und warm machen. Aber die alltägliche Erfahrung ist eine andere. Oft genug merke ich gar nicht, wie viel Schönes um mich herum passiert. Es erreicht mich nicht, kommt verzerrt oder gebrochen bei mir an. Bin ich gestresst, unausgeglichen, bequem oder ichbezogen, funktioniert das wie eine Barriere. Sie macht es schwer, dass mich Gutes und Schönes berührt. 

Streifenfrei

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Wenn ich ehrlich bin, kenne ich die Schlieren vor dem Fenster meiner Seele genau. Ich weiß, was mich von mir selbst entfremdet und was mich schwer genießbar für meine Mitmenschen macht. Und ich weiß auch, dass ich bei aller Arbeit an meinen Grenzen und Schwächen nie streifenfrei sein werde.

Die Fensterschliere, die sich dem Licht in den Weg stellt, ist auch ein Bild für meine Beziehung zu Gott. Ich lebe an einem privilegierten Ort in dieser Welt, ich habe eine Familie und einen Beruf, den ich mag, ich habe ein Netzt von Beziehungen, die mich stärken und mir guttun. Ich kann etwas aus all dem machen. Ich kann all das als Zeichen für Gottes Liebe annehmen und mir das Herz füllen lassen.

Getrübt ins Innere

Mehr noch: So beschenkt, kann ich etwas zurückgeben – wohlwollend, großzügig, hilfsbereit an Menschen in meinem Umkreis. Ich kann Gottes Liebe durch mein Seelenfenster hineinlassen und zurückspiegeln in die Welt. Im Alltag sieht auch das oft anders aus. Da sind so viele Schlieren vor meinem Seelenfenster, dass das Licht nur getrübt ins Innere kommt. 

Da mache ich dicht und lasse Gott nicht an mich heran. Ich schlage die Zeichen seiner Liebe aus. Ich kenne solche Momente, in denen ich mich selbst nicht leiden kann und mir im Weg stehe. Momente, in denen ich gern anders gesprochen, anders gehandelt, anders reagiert hätte. Ich verpasse Chancen, es in mir heller zu haben und es anderen heller zu machen.

Leuchten wie die Sonne

Dass „die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten“ (Matthäusevangelium 13,43) ist eine Verheißung für die Ewigkeit und kein Ergebnis eigener Leistung und moralischer Anstrengungen. Es ist etwas, das Gott schenken wird aus dem einzigen Grund, weil er seine Menschen liebt. 

Streifenfrei werde ich in diesem Leben auch in meiner Beziehung zu Gott nie. Das zu wollen wäre überheblich und überfordernd. Mit diesem Vertrauen kann ich mit Schlieren auf dem Fenster ganz gut leben – auf der Scheibe und auf der Seele.