Hunderte Kreuze stehen in Kisten auf dem Flohmarkt im Kloster Gerleve. Einst hingen sie in Wohnungen, vielleicht über den Betten oder im Esszimmer. Sie haben Menschen begleitet – durch Krankheit, Sterben, in der Trauer, in der Hoffnung. Jetzt stehen sie da. Abgestellt. Die Großeltern sind verstorben, die Kinder und Enkel brauchen sie nicht mehr. Selbst die mit persönlicher Widmung nicht: „Zur Kommunion – Deine Eltern.“
Dass religiöse Gegenstände zu Hunderten abgegeben, aus Platzmangel dann in Kisten aufgestellt werden und längst nicht mehr die Wertschätzung von früher erfahren, ist für einige Besucher anstößig. Doch ist ein Flohmarkt deswegen noch kein Skandal. Tausend Dinge, die nicht mehr gebraucht werden, bekommen dort eine neue Chance. So finden auch Kreuze neue Besitzer, statt im Müll zu landen.
Gott kommt abhanden
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Trotzdem irritiert dieses Bild. Vielleicht sind die Kreuze auf dem Flohmarkt kein Skandal, sondern ein Spiegel unserer nachchristlichen Gesellschaft. Das Kreuz hängt nicht mehr selbstverständlich in Klassenzimmern, Büros oder Wohnungen. Viele Menschen können mit seiner Botschaft nichts mehr anfangen. Wir bekämpfen das Kreuz nicht. Wir räumen es einfach weg. Es passt nicht mehr in eine Welt, in der Glaube immer häufiger als etwas Überholtes gilt. Vielen Menschen ist Gott irgendwie abhandengekommen.
Was aber verlieren wir, wenn wir das Kreuz nur noch als religiöses Relikt betrachten? Das Kreuz ist das Zeichen eines Menschen, der selbst aus der Gemeinschaft entfernt wurde, erniedrigt, gefoltert und schließlich getötet. Sein Leben schien erledigt, sein Wert ausgelöscht. Genau dort beginnt die christliche Zumutung: Gott steht nicht auf der Seite derer, die Menschen aussortieren. Gott steht beim Menschen, den andere abgeschrieben haben.
Ausgemustert. Abgeschrieben.
Menschen werden auch heute abgestellt. Der Alte, für den keiner Zeit hat. Die Pflegebedürftige, die nur noch als „Fall“ verwaltet wird. Der Arbeitslose, der nicht mehr gebraucht wird. Der Einsame, dessen Abwesenheit kaum jemand bemerkt. Der Sterbende, dessen Leid wir möglichst aus unserem Alltag verbannen. Der Mensch, der nicht mithalten kann und an den Rand gerät. Ausgemustert. Abgeschrieben.
Vielleicht sollten wir nicht zuerst fragen, ob noch genügend Kreuze in unseren Kirchen und Wohnungen hängen, sondern: Was bedeutet das Kreuz für unseren Umgang miteinander? Ein Kreuz an der Wand macht aus niemandem einen christlichen Menschen. Es ist eine Zumutung. Es sagt: Kein Mensch ist wertlos. Nicht der Kranke. Nicht der Alte. Nicht der Fremde. Nicht der Gescheiterte. Nicht der Sterbende. Nicht der Mensch, der uns nichts zurückgeben kann.
Wozu das Kreuz zwingt
Wenn das Kreuz unseren Blick verändert, lebt es. Es zwingt uns hinzusehen. Es erinnert uns daran, dass der Wert eines Menschen nicht von Leistungsfähigkeit, Jugend, Gesundheit, Erfolg oder gesellschaftlichem Nutzen abhängt. Das Kreuz sagt etwas Radikales: Der Mensch, den andere abgeschrieben haben, ist für Gott nicht abgeschrieben.
Das ist die Botschaft, die unserer Gesellschaft fehlt. Das deutlich zu machen, ist die Herausforderung für die Kirche. Vielleicht ihre große Chance.