SICHTWEISEN

Ausschau

Der Blick geht nach vorn auf das, was kommt. Und auf den, der da kommen will. Was ist meine Advents-Haltung?

3. Dezember 2025

Text: Schwester M. Ancilla Ernstberger | Foto: Pavel Danilyuk (pexels.com)

Mit dem Advent und erst recht mit Weihnachten verbinden wir im Allgemeinen hohe Erwartungen, wie diese Zeit verlaufen soll. Lässt man all das außer Acht, womit Fußgängerzonen, Weihnachtsmärke, Vorgärten, Hauswände und Fenster in diesen Wochen dekoriert werden, was an unsere Ohren dringt oder überhaupt unseren Sinnen schmeichelt, so höre ich kaum einen Wunsch so häufig wie den nach einer besinnlichen Zeit.

In starkem Kontrast zu dieser Atmosphäre in unseren Städten steht ein Holzschnitt von Walter Habdank mit dem Titel „In Erwartung“: Fünf Menschen – notdürftig bekleidet oder gar nackt – und ein Hund sitzen oder stehen dichtgedrängt auf einer Art Gerüstkonstruktion abseits einer Stadt und schauen gespannt in eine Richtung. Sie wirken bedürftig und ausgesetzt. Der Mond am linken Bildrand weist darauf hin, dass es Nacht ist. Eine Wetterfahne zeigt Gegenwind an, denn der Wind bläst den Menschen ins Gesicht. Ihre großen, weit aufgerissenen Augen sowie ein ausgerichtetes Fernglas unterstreichen den Blick in die Ferne. 

Das Bild strahlt angespannte, erwartungsvolle Stille aus. Angesichts der einengenden Stäbe des Gerüsts und der höchst unbequem wirkenden Lage der Gruppe wundert es nicht, dass sie Ausschau danach hält, wer ihr Rettung oder Befreiung aus dieser misslichen Lage bringen könnte. Es bleibt offen, worauf die Menschen fokussiert sind. Ebenso wenig lässt sich eindeutig sagen, ob sie nur auf einem Beobachtungsposten sitzen und abwarten oder ob sie tatsächlich jemanden erwarten. Und wie dieser Jemand aussehen oder sein soll.

Habe ich ein sehnsüchtiges Herz?

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die „Sichtweisen“, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Ohne das Wissen, dass da jemand kommt, würde sich ein Ausschauhalten erübrigen. Denn es handelt sich um ein zielgerichtetes Schauen, das einen langen Atem voraussetzt und mit größtmöglicher Konzentration einhergeht.

Finde ich mich in diesem Adventsbild wieder? Wovon bin ich gefangen? Was engt mich ein, und wie steht es um meinen Wunsch, aus den Gitterstäben des Gewöhnlichen befreit zu werden? Habe ich noch ein sehnsüchtiges Herz, das mehr vom Leben erwartet, als ich mir selbst verschaffen kann? Hoffe ich noch auf Gottes Einbruch in diese Welt und halte ich mich dafür wach, selbst wenn die Zeichen dagegen sprechen?

Gott im Sinn?

Psalm 33 formuliert: „Lass deine Güte über uns walten, o Herr, denn wir schauen aus nach dir.“ Gottes Güte zu erlangen, beruht, so der Psalmist, auf dem Ausschauen nach Gott. Beim Beten dieses Verses kommt mir noch ein anderer Gedanke: Schauen wir wirklich aus nach Gott? Oder anders: Sehen wir tatsächlich so aus, als hätten wir Gott im Sinn? Spiegelt unser Aussehen wider, was wir vorgeben zu glauben?

Wie die Nähe zu Gott verwandelnde Kraft besitzt, das erfahren wir über Mose, dessen Gesicht glänzte, nachdem er die 10 Gebote empfangen hatte, und über Jesus erzählt das Neue Testament, dass sich sein Aussehen auf dem Berg Tabor verwandelt.

Advent – eine Zeit des Ausschauens nach dem, der da kommen soll, und eine Zeit für einen selbstkritischen Blick in den Spiegel mit der Frage: Sieht so Hoffnung aus?