Nach Hause kommen. Die Schuhe ausziehen. Nicht nur wegen des Drecks der Straße. Schweres, (Be-)Drückendes draußen lassen. Zuhause sein. Leichter. Ungeschützter. Bis zum nächsten Tag.
Noch intensiver ist das draußen. Barfuß durchs Gras, über Felsen und Sand, durchs Wasser oder auch schon mal durch den Wald oder über das Eis. Als Kind hab' ich das geliebt. Auch heute noch. Direktkontakt. Jeden Grashalm und jede Unebenheit spüren. Das löst immer etwas in mir aus, berührt mich nicht nur auf, sondern auch unter der Haut.
Himmel hautnah
Deutlicher spüren, was trägt. Oder was wund macht. Verletzlich sein. So bin ich näher dran an mir und an dem, was mich umgibt – und in all dem auch an Gott.
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Vielleicht ist es diese Unmittelbarkeit, warum Jesus seine Jünger barfuß auf ihre Wege schickt. Sie sollen den Menschen sagen, dass der Himmel ihnen nahe ist. Und Jesus trägt ihnen dazu auf: „Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe…“ (Lk 10,3). Der Himmel hautnah. Der Himmel nicht nur als Botschaft, sondern als Erfahrung von Vertrauen, von Getragensein – und zwar so, wie ich bin, wenn ich nackt, verletzlich, ohne doppelten Boden daherkomme.
Heiliger Boden
Gott spüren. So nah, so unmittelbar wie die Steine unter den Füßen. So, dass es einem durch und durch geht. Darauf kommt es Gott selbst an, als er Mose am brennenden Dornbusch ruft: „Leg deine Schuhe ab; wo du stehst, ist heiliger Boden“ (vgl. Ex 3,5-7).
Gott will Mose bis in seine Zehenspitzen hinein erreichen. Mose soll sich vor ihm nicht irgendwie fromm zeigen, sondern offen, verletzlich, ganz da. Er soll spüren, was Gott ihm sagt und wozu er ihn ruft. Aufrechtstehen und hören, das geht am besten barfuß. Gott bleibt dabei. Bei Josua etwa, Moses Nachfolger (vgl. Jos 5,13-15), oder bei der Berufung des Propheten Ezechiel (vgl. Ez 1,28-2,2). Nicht niederknien sollen beide, ausdrücklich nicht. Sie sollen die Schuhe ausziehen und sich auf ihre Füße stellen. Nur so lässt sich das Heilige spüren.
Anders als erwartet
Das Heilige spüren mit bloßen Füßen. Das schenkt sich mir manchmal auf der taufrischen Wiese – und reicht doch viel weiter. Das habe ich vor ein paar Jahren auf den Philippinen gelernt, in der Magyanen-Mission auf der Insel Mindoro. Dort begegnete mir folgender Text – und Menschen, die seine Worte beherzigen:
Wenn wir einem anderen Volk, einer anderen Kultur, einer anderen Religion begegnen // ist es unsere erste Aufgabe, unsere Schuhe auszuziehen, denn der Ort, den wir da betreten, ist heiliger Boden // sonst könnte es sein, dass wir die Liebe, den Glaube, die Hoffnung eines anderen zertreten // oder, was noch viel schlimmer wäre, vergessen, dass Gott schon vor unserer Ankunft dort war.
Der Barfuß-Gott der Bibel begegnet stets anders als erwartet. Rätselhaft. Überraschend. Wunderbar. Eher weit unten als weit oben. Eher bei den Sklaven als bei den Freien. Eher bei den Sündern als bei den (Selbst-)Gerechten. Eher draußen als drinnen. Dort, wo die Füße staubig werden, weil Menschen es wagen, barfuß zu glauben, zu hoffen und zu lieben.