Mit einer Wahrscheinlichkeit von acht zu zwei gehören Sie zu den ärmsten Menschen dieser Welt (Angaben nach: Time Smart. How to Reclaim Your Time & Live a Happier Life von Ashley Whillans); – und nein, ich habe dabei nicht Ihr Konto im Blick. Diese Armut ist weniger sichtbar, aber deutlich spürbar: Zeitarmut. Sie haben zu viele Dinge zu tun und zu wenig Zeit, um sie zu tun. Willkommen im Club der modernen Habenichtse – reich an Geräten, arm an Minuten.
Trotz Waschmaschinen, Mikrowellen, Saugrobotern und Smartphones haben wir weniger Zeit denn je. Die Technik hat uns versprochen, das Leben zu erleichtern, stattdessen hat sie es nur beschleunigt. Effizienz war das Ziel, Endlosstress das Ergebnis. Wir haben ein deutliches Mehr an Freizeit gewonnen, aber nicht an Erholung. Denn wo früher Ruhe war, herrscht heute Push-Benachrichtigung.
Zerbröselt in Konfetti
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Das Phänomen hat einen hübschen Namen: Zeitkonfetti. Du kennst das bestimmt: eine Stunde Freizeit am Abend, theoretisch. Praktisch zerbröselt sie in Mini-Schnipsel, unterbrochen von E-Mails („Ich reagiere nur kurz…“), WhatsApp („nur ein Emoji...“), Social Media („nur mal gucken...“) und Teams („nur kurz terminieren…“). Am Ende bleibt dir vielleicht eine Viertelstunde am Stück – und selbst die verbringst du damit, dich zu fragen, ob nicht irgendwo eine neue Nachricht wartet.
Selbst wenn du standhaft bist und das Smartphone ignorierst – es liegt da. Es lauert, blinkt auf, vibriert, ermahnt. Vielleicht passiert etwas Wichtiges, vielleicht auch nicht. Die bloße Möglichkeit, etwas zu verpassen, reicht, um dich unruhig zu machen.
Ein schlechter Deal
Unsere Gesellschaft hat daraus eine Tugend gemacht. Ruhe ist verdächtig geworden. Wer nichts tut, hat es wohl zu nichts gebracht. Beschäftigtsein ist das neue Prestigeobjekt. Wer beschäftigt ist, ist wichtig. So verwechselt man Aktivität mit Bedeutung.
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Dabei zeigen Studien (Angaben nach: Time Smart. How to Reclaim Your Time & Live a Happier Life von Ashley Whillans): Unser Gehirn braucht Leerlauf, braucht Langeweile. Diese zähe, ausgedehnte Zeit, in der nichts passiert. Da entstehen Ideen, Mut, Lebenslust. Doch wir behandeln Zeit häufig wie Ramschware. Ein paar Cent beim Tanken sparen? Klar! Dafür zehn Minuten Umweg? Kein Problem! Der Deal ist absurd: Wir tauschen kostbare Lebenszeit gegen ein paar Euros. Für meinen Geschmack ein schlechter Deal – aber ein populärer.
Neu justieren
Und dann sind wir auch noch Optimisten – jedenfalls, wenn es um unsere Zukunftszeit geht. Wir planen großzügig in die Zukunft hinein. Wir nehmen uns Dinge vor und gehen davon aus, dass uns in Zukunft deutlich mehr Zeit zur Verfügung steht. Nur, um dann in der Zukunft festzustellen: Wieder keine Zeit. Schon wieder zu viel Ja gesagt, zu wenig Nein.
Geld kann man sparen, Zeit nicht. Jeder Tag ist eine Einbahnstraße. Das mag eine allzu simple Einsicht sein, die womöglich deshalb so oft untergeht. Vielleicht sollten wir unsere inneren Excel-Tabellen neu justieren. Weniger Termindruck, mehr Pausen. Weniger Effizienz, mehr Stille. Weniger Multitasking, mehr Müßiggang. Denn am Ende zählt nicht, wie beschäftigt wir waren – sondern… das überlasse ich Ihnen zu füllen.