SICHTWEISEN

Mühlstein

Eine idyllische Erinnerung an vergangene Handwerksmühen. Symbol für großes Gewicht und Zermahlen. Und für eine sehr klare Bibelstelle.

26. November 2025

Text: Pater Daniel Hörnemann OSB | Foto: Markus Nolte

„Ricke racke, ricke Racke, geht die Mühle mit Geknacke“ so hat Wilhelm Busch lautmalerisch zum letzten Streich der Bösewichte „Max und Moritz“ gedichtet. Viele seiner Reime sind zu geflügelten Worten im deutschen Sprachgebrauch geworden. Die beiden bösen Buben wurden in der Mühle zermahlen und von zwei Enten des Müllers gefressen. Die schlichte Moral der humoristischen Geschichte: Wer Böses tut, findet ein böses Ende.

Die Mühle als Instrument des Finales dient jedoch eigentlich anderen Zwecken. Das Lehnwort aus dem Lateinischen, „Molina“, bezeichnet eine Zerkleinerungs- und Mahlanlage mit unterschiedlichen Antriebsarten wie Wind oder Wasser. Doch bereits seit der Jungsteinzeit ab etwa 12.000 vor Christus gehören Mahlsteine zur Kultur der Menschheit. Der Mensch entwickelte sich vom Jäger und Sammler zum Bauern, seitdem Getreide zum Grundnahrungsmittel wurde. Ohne Mühlen gab es kein Mehl und damit kein tägliches Brot. Somit gehörten Mühlen mit ihrem charakteristischen Reibegeräusch allerorten zu den wichtigsten Haushaltsutensilien.

Wenn das Mahlgeräusch verstummt

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Zunächst bestanden die Handmühlen aus zwei länglichen, aufeinander gelegten Steinen. Die Reibplatte wurde in den Boden eingelassen, auf ihr lag das Getreide. Der Reibstein zerrieb unter vollem Einsatz von Körperkraft und -gewicht die Körner. Diese starke, aber stupide, zudem wenig respektierte körperliche Anstrengung oblag im Orient zumeist den Frauen, die die entsprechende Ration für ihre Familie zu mahlen hatte.

Nach den Handmühlen kam die Eselsmühle auf, bei der das Grautier zum Drehen des oberen Mühlsteins im Kreis getrieben wurde. Wenn das reibende Mahlgeräusch verstummte, galt das als Zeichen der Verlassenheit und Verwüstung der Ortschaften. Da Getreide täglich gemahlen werden musste, war es verboten, die Mühlsteine und damit Lebensnotwendiges als Pfand zu nehmen.

Warnung vor Verführung

Das Neue Testament warnt vor der Verführung junger Gläubiger: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde“ (Mk 9,42). In der Apokalypse (18,21) wird der Untergang des großen Babylon, des Zentrums der Gottlosigkeit, so verglichen: „Dann hob ein gewaltiger Engel einen Stein auf, so groß wie ein Mühlstein; er warf ihn ins Meer und rief: So wird Babylon, die große Stadt, mit Wucht hinabgeworfen werden und man wird sie nicht mehr finden.“ Von unserer heutigen Mühlenromantik findet sich in der Bibel überhaupt keine Spur.

Die Menschen der Moderne finden die Verbindung der Mühlen zu einer idyllisch-verklärten ländlichen Romantik faszinierend. Die Verbindung von Handwerkskunst und Naturverbundenheit wird nostalgisch idealisiert. Mühlen stehen als Symbol für Erneuerung und Wandel, spirituell gesehen für Transformation und Wandlung. Sie fordern uns auf, innezuhalten und mit dem Blick auf sie der Sinnhaftigkeit unseres Lebens und Wirkens nachzuspüren. Was möchten wir mit unseren Kräften umsetzen und wandeln?