Ein Reiter mit Gasmaske und Stahlhelm, entmenschlicht, ein Pferd mit Gasmaske um das Maul, unnatürlich: „Vom Menschen benützt, durch die Tat entkräftet“. Das Standbild mit dem Titel „Pferdeseufzer” findet sich im Innenhof eines ehemaligen Brauereigeländes, dem heutigen Käthe-Kollwitz-Museum in Koekelare. Diese belgische Kleinstadt spielte während des Ersten Weltkriegs eine wichtige Rolle, da dort die deutsche Kanone „Langer Max” stationiert war, die Dünkirchen mit Hafen und Umgebung bombardierte.
Im Ersten Weltkrieg kamen erstmals Massenvernichtungswaffen wie Giftgas zum Einsatz, das zu schweren Atemwegsschäden, Verätzungen und Tod führte. Auf den ersten Großangriff der Deutschen mit Chlorgast bei Ypern am 22. April 1915 bei Ypern folgte ein chemisches Wettrüsten. Wegen der schrecklichen Folgen des Gaskriegs wurden chemische Waffen nach Kriegsende international tabuisiert, da hatten sie bereits zahlreiche Soldaten getötet und verletzt.
„Nie wieder Krieg!“
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs setzte der junge belgische Künstler Benjamin Gardin einen besonderen Akzent mit „A Young Vision on the Great War“. Dazu gehört sein Kunstwerk „Pferdeseufzer“, mit dem er den Blick weitet über die Menschenopfer des Kriegs hinweg auf die gesamte Schöpfung, die durch das grausame, von Menschen verursachte Geschehen in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Gardin wurde die Möglichkeit gewährt, seine Sicht dieser Geschichte zu erzählen mit der Perspektive „Nie wieder Krieg!“ Das Grauen des Krieges illustriert er mit dem Blick auf das Leiden der Kreaturen. Mensch und Tier sind im Krieg der gleichen Lebensgefahr ausgesetzt Selbst Pferde und Hunde leisteten Kriegsdienst und mussten Gasmasken tragen. Das osmanische Reich schickt Kamele ins Kampfgebiet. Die am Weltkrieg beteiligten Mächte missbrauchten alle möglichen Tiere zu militärischen Zwecken. Dazu zählten auch Tauben, Esel, Maultiere, Ochsen, Elefanten, seltsamerweise selbst Katzen, Glühwürmchen, Kanarienvögel und Schnecken.
„Verbrauchsmaterial“
Wie viele Tiere dem Krieg zum Opfer fielen, lässt sich nicht eruieren. Die Lebenszeit eines Artilleriepferdes betrug im Durchschnitt zehn Tage. So mögen nicht nur etwa zehn Millionen Soldaten gefallen sein, sondern ebenso viele Pferde. Sie wurden genauso verheizt, ohne dass irgendjemand dies moralisch hinterfragte. Die einzige Frage war die nach dem Nutzen für die Kriegführenden. Ihr Tod als „Verbrauchsmaterial“ wurde genauso wie bei den Soldaten schlicht und einfach in Kauf genommen.
Benjamin Gardin nannte sein Werk „Pferdeseufzer“. Das lässt an die paulinische Aussage im Römerbrief (8,21) denken, „dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt“. Paulus beschreibt, dass die gesamte Schöpfung — Pflanzen, Tiere und Menschen — unter der Last von Leid und Vergänglichkeit stöhnt und auf Erlösung wartet. Der Mensch nimmt seinen Auftrag als Mitgestalter der Welt nicht wahr, sondern trägt den Hauptanteil am Leiden der Mitschöpfung, indem er sie ausnutzt und verbraucht. Dabei liegt die Bewahrung der Schöpfung in seiner Verantwortung.