„Über den Wolken wird die Freiheit wohl grenzenlos sein“, schon hat man den Ohrwurm von Reinhard Mey wieder präsent. „Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen. Und dann würde was uns groß und wichtig erscheint plötzlich nichtig und klein.“ Über den Wolken herrschen anscheinend andere Maßstäbe, tut sich ein neuer Horizont auf, geschehen Entgrenzung und Befreiung. Wolken verdecken die Sonne. Eigentlich sind sie nur eine Ansammlung von sehr feinen Wassertropfen oder Eiskristallen in der Atmosphäre.
Doch ihre Schönheit regte schon immer die menschliche Phantasie an. Dunkle Wolken wirken rasch unheilverkündend und bedrohlich. Ein englisches Sprichwort besagt „Every cloud has a silver lining“ – jede Wolke hat ihren Silberstreifen. Wenn du nur genau hinschaust, wirst du an den Rändern jeder Wolke den von der Sonne hervorgerufenen Silberschein entdecken. Hab Mut, jede schwere Zeit führt zu besseren Tagen. In allem Negativen liegt das Positive im Ansatz schon verborgen.
Unbegreiflich, unverfügbar
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Wolken und Wolkendunkel umschreiben die Verborgenheit Gottes, die geheimnisvoll wie auch bedrohlich erscheinen mag. Wenn Gott sich in den Wolken verbirgt, erreichen die Gebete der Menschen ihn nicht mehr. Er wird nicht mehr aufmerksam auf ihre Nöte, von daher gibt es keine Wende. Wolken lassen sich sehen, aber nicht ergreifen. Sie sind eine eigene Gegenwart und Wirklichkeit, aber der Mensch kann sie nicht erfassen oder festhalten. Kein Wunder, dass sie als Distanzhalter zwischen Gott und Menschen gesehen werden. Sie sind Wolken des Nichtwissens, wir können Gott nicht erkennen mit unseren beschränkten Möglichkeiten. So weist die Wolke auf Gottes Unbegreiflichkeit und Unverfügbarkeit. Dennoch steht sie symbolisch zugleich für Gottes Nähe und seine Führung.
Der Mann Mose darf an die dunkle Wolke herantreten und die Stimme Gottes vernehmen. Er darf immer wieder die Distanz zwischen Gott, der in der dunklen Wolke verhüllt-gegenwärtig ist, und den in der Entfernung stehengebliebenen Menschen überwinden. Die Wolkensäule ist ein mehr verhüllendes als offenbarendes Zeichen, die Transzendenz Gottes, seine Überweltlichkeit bleibt gewahrt. Die Wolke ist Hülle und Bergung der Gottheit in weicher Nichtfassbarkeit. Wolken- und Feuersäule geben den Israeliten auf ihrem Durchzug durch das Schilfmeer Geleitschutz und stehen für die rettende Gegenwart Gottes.
Gott als „Wolkenfahrer“
Die Bibel stellt Gott als „Wolkenfahrer“ dar: „Du nimmst dir die Wolken zum Wagen, du fährst einher auf den Flügeln des Windes“ (Ps 104,3). Sein Hoheitsgebiet und sein Wohnbereich erscheinen den Menschen als unzugänglich. Ihre sehnsüchtige Bitte „Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, regnet den Gerechten herab“ beschreibt das Warten der Menschheit auf den von den Propheten verheißenen Messias, Heiland und Erlöser, auf die göttliche Überwindung der Distanz und seine Zuneigung. In Jesus Christus wurde diese Erwartung erfüllt. Nach seinem irdischen Weg ging er zurück in die Wirklichkeit Gottes. Eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn den menschlichen Blicken.
Zugleich hat er uns sein Wiederkommen zugesagt, bildlich gesprochen „mit großer Kraft und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels“ (Mt 24,30). Am Ende werden wir Gott näher sein als je zuvor. Dort wird die Freiheit definitiv grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen haben sich erledigt. Was uns hier groß und wichtig erscheint, geht in der wahren Größe Gottes auf. Wir werden aus allen Wolken fallen, aber nicht ins Nichts, sondern in die Hand Gottes, aus der wir auch gekommen sind.