SICHTWEISEN

Fußballgott

Es ist nicht nur der Fußballgott, der mittels eigenwilliger Rituale für den richtigen Treffer im Leben sorgen soll.

10. Juni 2026

Text: Markus Nolte | Foto: Moritz Müller (Imago)

Sie geben alles, damit das was wird mit dem Sieg auf dem Platz: höchste körperliche Fitness, top Teamgeist, ideale Mannschaftsaufstellung, perfekte Ausrüstung, ausgeklügelte Strategie – mehr kann man nicht tun, damit die beste Fußballmannschaft unter Gottes Sonne Weltmeister wird.

Sollte man meinen. Offenbar verlassen sich nicht alle Spieler darauf, sondern greifen sicherheitshalber zusätzlich auf ziemlich eigene Mittelchen zurück. Wobei natürlich keine verbotenen Substanzen gemeint sind, sondern kleine Rituale, die wahlweise den Fußballgott, den Gott der jeweiligen Religion oder das Schicksal bestürmen, damit sie das Runde treffsicher ins Eckige befördern.

Kuss auf die Glatze

Weltstar Cristiano Ronaldo etwa soll beim Betreten des Rasens nicht nur auf den perfekten Sitz seiner Frisur achten, sondern auch darauf, dass er das Spielfeld immer mit dem rechten Fuß zuerst betritt. Von Kolo Touré, dem ehemaligen Nationalspieler der Elfenbeinküste, wird berichtet, er habe den Platz grundsätzlich als Letzter betreten – wobei er dadurch einmal sogar den Anstoß zur zweiten Halbzeit verpasst haben soll. Und dem einstigen französischen Nationalspieler Laurent Blanc wird nachgesagt, er habe vor jedem Länderspiel die Glatze von Torwart Fabien Barthez geküsst – des Glückes wegen.

Ganz zu schweigen von den vielen Spielern, die sich an der Rasenkante bekreuzigen, die Hände falten oder zum Himmel hin öffnen – je nach regionalen Gepflogenheiten oder Religion. Manche Mannschaften aus islamisch geprägten Ländern hat man vor Spielbeginn im großen Kreis auf den Knien betend gesehen, und der eine oder andere christliche Spieler lupft nach einem Treffer sein Trikot, um zu zeigen: Jesus ist der größte Star.

Kann Gott Fußball?

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Ob Gott tatsächlich das Gebet des einen Kickers erhört und das des Gegners im Abseits verschwinden lässt, darüber haben schon viele fußballbegeisterte Theologen nachgedacht und solche Theorien im Großen und Ganzen des Platzes verwiesen. 

In der Tat ist es wohl zum einen zu viel verlangt und zum anderen zu klein gedacht, dass sich der Schöpfer der Welt um die Flugbahn eines runden Leders von maximal 70 Zentimetern Umfang und 450 Gramm Gewicht irgendwo in den USA, Mexiko oder Kanada kümmert.

Gottes Spielregeln

Natürlich und ganz grundsätzlich: Wenn es uns in den Kram passt, wäre es schon ganz schön, wenn der Herrgott bitte die Dinge in unserem Sinn lenken möge – ob einen Ball ins Tor, eine Bewerbung zum Erfolg oder den ungläubigen Schwiegersohn in die Sonntagsmesse. Manche schwören zudem auf heilige Plaketten, fromme Anhänger oder Flüssigkeit aus heiligen Gewässern, die alles Übel fern halten sollen.

Aber es spricht viel dafür, dass Gott weder Wünsche auf Bestellung erfüllt noch ausschließlich dann seinen Schutz gewährt, wenn Materialien oder Marotten stimmen. Wo aber diese Dinge daran erinnern, auf Gott zu vertrauen und sich in mancher Not hoffend und bittend an ihn zu wenden, da erfüllen sie ihren heiligen Zweck. Wer betet, akzeptiert gewissermaßen die Spielregeln Gottes: keine Fouls, kein Abseits, keine falschen Tricks. Stattdessen: Fairplay. Und voller Respekt für den Schiedsrichter.