SICHTWEISEN

Gesichtsfeldeinschränkung

Sehe ich, was ich sehen könnte? Oder eher das, was ich sehen will? Das ist entscheidend für meinen Blick aufs Leben.

4. Februar 2026

Text: Vera Krause / Foto: Shimabdinzade (pixabay)

Mein „Gesichtsfeld“ ist das, was ich sehe, wenn ich in die Welt hinausblicke und dabei einen bestimmten Punkt fixiere. Es ist faszinierend, was in dem großen Sichtkreis, der sich dann öffnet, alles gleichzeitig in meinen Blick kommt: einzelne Details genauso wie das große Ganze, Umgebung, Bewegung, Licht, Farben, Konturen… In der Mitte schärfer, nach außen hin unschärfer.

In diesem ganz natürlichen Weitwinkel begegnet mir das Leben, wie es ist. Einzelne Dinge auszublenden, geht nicht. Wenn doch, dann müsste ich dringend zum Arzt. Denn schon kleinste Farbveränderungen, dunkle Flecken oder Lichtblitze können auf Erkrankungen hinweisen, durch die mein Gesichtsfeld bis zur Erblindung eingeschränkt werden könnte.

Blindheit in der Weisheit

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Blind machen können mich auch Gesichtsfeldeinschränkungen, die andere Ursachen haben als Störungen des wunderbaren Zusammenspiels von Linse, Pupille, Netzhaut, Nervenbahnen und Gehirn. Die Weisheit der Religionen hat ein feines Gespür dafür. Eine Erzählung aus dem jüdischen Midrasch bringt mich auf die Spur. Dort heißt es (nach Exodus Rabba 24,1):

Als das Volk Israel auf seinem Weg aus der Sklaverei in Ägypten durch das Rote Meer zog, erlebte es ein großes Wunder: Das Meer spaltete sich und die Wasserwellen standen da wie große Wände, während das Volk Israel von einem Ufer ans andere in die Freiheit floh. Erstaunlich! Aber nicht für alle.

Schlamm statt Wunder

Zwei Männer, Ruben und Schimon, eilten mit der Menge. Kein einziges Mal schauten sie nach oben. Sie bemerkten nur, dass der Boden unter ihren Füßen schlammig war. „Ach“, sagte Ruben, „hier ist überall Schlamm!“ – „Ja“, rief Schimon, „meine Füße sind auch schon voller Schlamm!“ – „Wie scheußlich“, antwortete Ruben, „als wir Sklaven in Ägypten waren, mussten wir Ziegel aus Lehm machen, und der Lehm war genau wie dieser Schlamm hier!“ – „Ja“, erwiderte Schimon, „da ist kein Unterschied zwischen der Sklaverei und der Freiheit!“

So ging es die ganze Zeit. Den ganzen Weg jammerten und klagten Ruben und Schimon. Für sie gab es kein Wunder. Nur Schlamm.

Was füllt meinen Blick?

Kein Wunder. Nur Schlamm… Modern gesprochen wird hier die Geschichte einer selektiven Wahrnehmung erzählt. Zwei Menschen schaffen es nicht (mehr), aufzublicken. Gefangen in dem, was sie kennen, was sie erlitten haben, was sie sich gar nicht mehr anders vorstellen können oder wollen, verpassen sie das „Wunder ihres Lebens“: die Erfahrung Gottes, der ihnen den Weg bereitet.

Und ich? Wie gehe ich durchs Leben? Was füllt meinen Blick aus? Sehe ich, was ich sehen könnte? Den Schlamm, ja, in seinen so unterschiedlichen, manchmal fürchterlichen Ausdrucksformen… doch auch die kleinen und die großen Wunder?

Die Ostererzählungen der Bibel münden in die Erfahrung der Emmausjünger, dass ihnen „die Augen aufgehen“ (Lk 24,31). Darauf also kommt es an! Ich will mir das zu Herzen nehmen und darum immer wieder neu zu lernen versuchen, meine Augen (auch des Herzens) offen zu halten für die überraschenden, schönen, geheimnisvollen, heiligen Dinge, die täglich um mich herum geschehen.