In der Bibel stehen die Sendung der Jünger und ihre Berufung zur Nachfolge Jesu in einem engen inneren Zusammenhang. Ich habe jedoch den Eindruck, dieser Zusammenhang gerät häufig aus dem Blick, und der Begriff der Sendung verschwindet in der Predigt über den Auftrag zur Nachfolge und die Frage nach der persönlichen Berufung. So drängen sich Fragen auf wie: Wie kann Nachfolge konkret in meinem Leben aussehen? Welche Rolle habe ich? Wie gestaltet sich meine Zukunft, und welchen Platz habe ich in dieser Welt? Gewiss drücken solche Fragen berechtigte und relevante Sehnsüchte aus, doch genauso können sie auch erheblichen Druck erzeugen. Denn die Vorstellung, die eigene Berufung unbedingt finden oder verwirklichen zu müssen, kann existenziell belasten.
Doch was ist, wenn die Perspektive gewechselt würde? Wenn die Angst zwischen Selbstverwirklichung und Selbstaufgabe der Entscheidung für Beziehung, Verantwortung und Selbstwerdung weichen würde?
Aufmerksam bleiben!
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
„Wofür werde ich heute gebraucht?“ Die Frage nach der eigenen Sendung liegt weniger im Großen als vielmehr im Kleinen. Schon in der Bibel ist das jesuanische Gesendet-Sein an konkrete Aufträge, Orte, Menschen und sogar an bestimmte Zeiten gebunden. In diesem Sinn kann Sendung jederzeit neu geschehen – vielleicht sogar täglich – und wird damit gerade im Alltag greifbar.
Gesendet zu sein bedeutet vor allem, aufmerksam zu bleiben: aufmerksam für die Menschen, die mir begegnen, für Situationen, die meine Präsenz erfordern, für Gespräche, die nach Tiefe verlangen. Es geht nicht darum, ständig verfügbar zu sein oder jede Aufgabe zu übernehmen. Vielmehr geht es darum, offen zu sein für den Moment, in dem etwas von mir gefragt ist – ein Wort, ein Zuhören, ein mutiger Schritt, ein Nein oder ein Ja.
Bewegte Menschen
Niemand erwartet Wunderdinge; die eigenen Möglichkeiten bleiben begrenzt, und unsere Menschlichkeit macht uns nicht zu Projekten, die es zu optimieren gilt. Und doch leben Christinnen und Christen im Kleinen das, was sie im Großen erhoffen – gerade dann, wenn sie sich nicht als Zuschauerinnen und Zuschauer verstehen, sondern als Menschen, die bereit sind, sich bewegen zu lassen. Überall dort, wo ich Verantwortung übernehme – im Beruf, in der Familie, im Ehrenamt oder in einer unerwarteten Begegnung – wird Sendung konkret.
Gesendet zu sein bedeutet, zuzulassen, dass Gott durch unsere Begrenzungen wirkt; dass aus kleinen Gesten etwas Größeres entstehen kann. Es bedeutet, das eigene Leben nicht nur als private Angelegenheit zu betrachten, sondern als Teil einer größeren Bewegung des Guten.
Bin ich offen genug?
Vielleicht liegt genau darin die Kraft des christlichen Alltags: nicht viel leisten zu müssen, um gesendet zu sein, sondern bereit zu sein. Die entscheidende Frage lautet nicht: Bin ich wichtig genug?, sondern: Bin ich offen genug?
Sendung beginnt im Gewöhnlichen – und gerade darin wird verständlich, warum Nachfolge Sendung ist und weshalb sie zugleich Berufung heißt.
Eine gesegnete Fastenzeit!