SICHTWEISEN

Hurra

Es ist schon merkwürdig: Draußen erwacht die Natur und in der Kirche beginnt die schwerste Woche des Jahres. Mit gutem Grund.

25. März 2026

Text: Hendrik Roos | Foto: Antonio Thales (Imago)

Ich freue mich über den Frühling. Er ist die Schwelle zwischen Winter und Sommer, zwischen Dunkel und Licht, zwischen dem, was war, und dem, was neu wachsen will. Zwar habe ich mich auch am kalten Winter erfreut und den vielen Schnee genossen, aber allmählich sehne ich mich nach Sonnenstrahlen im Gesicht und Frühlingsstimmung. 

Die ersten warmen Tage, die längeren Abende, das vorsichtige Grün an den Bäumen und Hecken – all das erinnert daran, dass das Leben sich nicht aufhalten lässt. Selbst nach einem langen, grauen Winter bahnt es sich wieder seinen Weg. Manchmal zaghaft, manchmal mit plötzlicher Wucht.

Etwas lockt mich

In diesen Tagen des Erwachens spüre ich einen inneren Aufbruch. Ein Bedürfnis, Fenster zu öffnen – nicht nur im Haus, sondern auch im Herzen. Der Frühling macht etwas mit mir: Er weckt Freude, Leichtigkeit, Hoffnung. Er ist ein Vorgeschmack auf das, was werden will und werden kann.

So passt das „Hurra“ des Palmensonntags perfekt in diese Zeit. Es kündigt an, dass etwas Neues anfängt, dass Erwartungen wachsen dürfen, dass ich in Hoffnung Schritte gehen kann – selbst, wenn ich nicht weiß, wohin sie genau führen. Diese Tage zwingen mich nicht, optimistisch zu sein. Aber sie locken mich.

Übergänge und Schwankungen

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Doch das „Hurra“ dieser Tage ist kein naiver Jubel. Der Palmsonntag leitet die Karwoche ein und führt in die Nacht des Gründonnerstags, bis hin in die dunklen Stunden des Karfreitages. Auch der Frühling hält mit seinem launischen Wetter, seinen Stürmen und späten Frosten Bruchstellen parat. Ob im Leben oder in der Natur, Zeiten des Übergangs scheinen immer von Schwankungen begleitet und vielleicht sogar durch sie geprägt. 

Aber der Palmsonntag steht dafür, den Anfang zu feiern und nicht das Perfekte; das Leben, nicht die Garantie. Das „Hurra“ der Menschen damals in Jerusalem war echt, auch wenn es nur eine Momentaufnahme war und sie später schwankten. So darf auch ein, vielleicht nur heutiges, Frühlings-„Hurra“ ebenso eine Momentaufnahme sein: eine ehrliche Freude darüber, dass neues Leben sichtbar wird, draußen wie drinnen und wenn es schon morgen wieder verhallt wäre, wäre es in Ordnung.

Dennoch jubeln

Vielleicht ist das der Kern dieser Tage und die Botschaft des Palmsonntags: Nicht alles zu verstehen, aber dennoch zu jubeln. Nicht alles zu planen, aber dennoch aufzubrechen. Nicht erst auf das große Wunder zu warten, sondern das kleine schon zu feiern.

Wir feiern nicht das Perfekte, sondern das geschenkte Leben. Hurra! Eine gesegnete Karwoche!