SICHTWEISEN

Idealvorstellung

Der Blick durch die rosarote Brille lässt alles umwerfend erscheinen. Doch die Wirklichkeit ist komplexer. Das gilt auch für Jesus Christus.

4. März 2026

Text: Hendrik Roos | Foto: yuliana12 (pixabay)

Was macht Ihre Idealvorstellung aus? Diese Frage hätte ich auch gerne Petrus gestellt, bevor er mit zwei anderen Jüngern und Jesus hoch auf den Berg Tabor ging, wie es das Evangelium des zweiten Fastensonntags in der sogenannten Verklärungsperikope schildert. Sie beschreibt, wie Jesus in positivster Weise im göttlichen Idealzustand offenbar wird, um nur kurze Zeit später am Kreuz erniedrigt zu werden. Endlich sieht Jesus auch aus wie Gott – das muss doch festgehalten werden.

Mensch und Gott

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Doch Petrus‘ Idealvorstellung des Sohnes Gottes scheint nicht dem göttlichen Ideal zu genügen, wie der Sohn in Wahrheit ist. Petrus will an einen Jesus glauben, der ganz und gar Gott ist und nicht nur irdischer Halbgott – und endlich zeigt er sich so. Seine Sinne täuschen ihn nicht. Was er sieht, ist zwar wahrhaftig, und doch verliert er vollständige Wahrheit aus den Augen. 

Denn der christliche Gott stellt das antike Denken auf den Kopf und übertrifft die damaligen menschlichen Konzepte eines Gottes. Jesus ist Gott und Mensch. Nicht jedoch in der Weise Halbgott und Halbmensch, sondern ganz und gar Gott und ganz und gar Mensch. Die Wirklichkeit Jesu ist nicht nur Gott-Sein, sondern genauso auch Mensch-Sein.

Schonungslose Wirklichkeit

Petrus und die Jünger wirken damit überfordert, da sie in dieser kurzen Perikope schonungslos mit diesen beiden Wirklichkeiten von einem auf den anderen Moment konfrontiert werden und sie sie nicht miteinander vereinbaren können. In einem Moment offenbart sich Gott lichtumhüllt in Herrlichkeit im Sohn und im nächsten Moment berührt er die Jünger physisch, „und als sie aufblickten, sahen sie niemanden außer Jesus allein.“ 

Nichts von dem, was passiert, war scheinbar noch übrig. Derselbe Jesus, der mit ihnen den Berg aufgestiegen ist, aber vor wenigen Augenblicken noch mit leuchtendem Gesicht und leuchtenden Kleidern „vor ihnen verwandelt“ wurde, steht nun einfach vor ihnen und ist wieder nur Mensch. Von seiner göttlichen Herrlichkeit scheint nichts mehr übrig.

Gott in Herrlichkeit, Gott am Kreuz

Doch zum ersten Mal haben die Jünger die gesamte göttliche Wahrheit Jesu gesehen. Was die Jünger hier erleben, ist die eine göttliche Wahrheit in der Spannung zwischen Gottesoffenbarung und Menschlichkeit. Doch die Spannung gehört nicht einfach nur zu Jesus dazu, sondern Jesus verkörpert sie. Für Petrus und die Jünger ist das nur schwer auszuhalten, und sie versuchen das einzuklammern, was am ehesten göttlich erscheint. Jedoch klammern sie dabei auch etwas aus, weswegen Jesus ihnen beim Abstieg verbietet weiterzuerzählen, was sie gesehen haben, „bis der Menschensohn von den Toten auferweckt ist.“

Die göttliche Wirklichkeit Jesu ist genauso Wirklichkeit, wie sein göttliches Leiden und Sterben am Kreuz. Beide Wirklichkeiten sind die eine göttliche Wahrheit. Das eine kann nicht ohne das andere erzählt werden. Das mag für ein göttliches Ideal unbefriedigend sein. Aber wer sagt schon, was ideal ist? Eine gesegnete Fastenzeit!