Ein Freund besucht mich in Oldenburg. Da er noch nie auf einer Nordseeinsel gewesen und es bis an die Küste nicht weit ist, machen wir im Spätsommer eine Tagesfahrt nach Norderney.
Nach dem „Pflichtprogramm“ für jeden Touristen - Bummel durch die Fußgängerzone mit ihren Andenkenläden, Besichtigung der Inselkirchen, Essen im Fischrestaurant - geht es natürlich auch an den Strand. In Erinnerung an lang vergangene Kindertage, als ich von meinem Vater entsprechend unterrichtet worden bin, gebe ich dem Freund eine Einführung in die "Muschelkunde", zeige Sandklaff- und Miesmuschel, lasse ihn nachempfinden, wie Sägezähnchen, Schwertmuschel und Engelsflügel zu ihrem Namen gekommen sind.
Mein besonderes Augenmerk gilt der an deutschen Küsten so raren Venusmuschel, deren „Wert“ ich als Dreikäsehoch insofern erahnen konnte, als sie mir beim Aufspüren immer ein Eis einbrachte.
Besonderes und Gewöhnliches
Nach meinem kleinen Vortrag ziehen der Freund und ich unsere je eigenen Runden über den Strand, die Augen konzentriert auf den unmittelbar vor uns liegenden Boden gerichtet. Dann und wann sehe ich aus den Augenwinkeln, wie er sich nach etwas bückt, auch die Sammlung in meinen Händen wird langsam größer. Als wir schließlich wieder zusammenkommen und ich, schon ganz gespannt auf die Ausbeute, seine Fundstücke betrachte, bin ich fassungslos: Der Freund hat nur Herzmuscheln gesammelt, die – abgesehen vom Namen – wohl langweiligste aller Muscheln, da es sie im wahrsten Wortsinn wie Sand am Meer gibt ...
Im ersten Augenblick bin ich enttäuscht von dem Gegenüber: Sollte mein ganzer Muschelvortrag umsonst gewesen sein? Im nächsten Moment ärgere ich mich allerdings eher über mich selbst: Bin ich denn auch so sehr Kind dieser Zeit, dass es scheinbar immer gleich etwas Besonderes, Außergewöhnliches sein muss, dass ich mich mit dem vermeintlich Gewöhnlichen nicht mehr zufriedengebe?
Schöner, fitter, reicher
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Es ist eine merkwürdige Tendenz, der nicht wenige Menschen heute nachgehen und -geben, wenn das scheinbar Normale als nicht mehr gut genug angesehen wird, wenn sie meinen, sich um jeden Preis von der breiten Masse abheben zu müssen, wenn ein in seinen Ausmaßen kaum mehr positiv zu nennender Wettbewerb um das „immer Schönere, Fittere, Reichere, ja vermeintlich Bessere“ die Menschen so beherrscht, dass sie die eigentliche Pracht und Würde der Schöpfung und eines jeden einzelnen Lebens immer weniger sehen und erkennen können.
Korn, Perle, Salz
So kommt mir die amerikanische Flugpionierin und Schriftstellerin Anne Morrow Lindbergh in den Sinn, die vor genau 70 Jahren ihr Büchlein „Muscheln in meiner Hand“ veröffentlichte, in dem die kleinen Meeresschalen zu einem zeitlosen Symbol für den Reichtum des eigenen Lebens und so zu einem wertvollen Ratgeber für viele Generationen wurden.
Und ich denke an Jesus, der das Reich Gottes mit einem einfachen Senfkorn oder einer Perle verglich, der in all seinen Gleichnissen immer vom Gewöhnlichen – ob Saat oder Salz – ausgegangen ist, um darin das Heilige zu sehen, und der etwas auf den ersten Blick so Profanes wie ein Stück Brot zum „Allerheiligsten“ gemacht hat...