Das Noch ist ein Chamäleon, mit Um-Sicht zu gebrauchen.
„Das rückwärtsgewandte Noch tötet den Geist“, schrieb mir mein damaliger Chef vor einigen Jahren. Eine Reaktion auf die Aussage, ich sei Provinzoberin geworden „von noch 75 Schwestern“. Im rückwärtsgewandten Noch schwingt meist ein „Nur noch“ mit, vor allem in diesen Zeiten in der Kirche. Die Zahlen werden kleiner. Und offen oder insgeheim rechnet man damit, dass es so weitergeht und die Zahlen zukünftig kleiner und kleiner werden.
Gerade im weiblichen Ordensleben liegt dem verständlichen Bedauern auch eine vernachlässigte Errungenschaft zugrunde: Dass nämlich die vielen tätigen Frauenorden entstanden, als dies fast die einzige Möglichkeit für eine Frau war, langfristig berufstätig zu sein, Bildung zu erlangen, sich einzusetzen im Sozialen, der Seelsorge, der Lehre. Heute gibt es viele andere Wege für Frauen: verheiratet mit einem Mann oder einer Frau, als Single, in verschiedensten Lebensformen. Berufe in allen Feldern, sogar in der Pastoral. Das rückwärtsgewandte Noch misst das Heute an einer verklärten Vergangenheit, die es so nie gab. Nicht nur bei den Orden nicht.
Ein riesiger Vorrat
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Ein anderes Noch: Immer wieder erlebe ich, dass Menschen von etwas erzählen, das sie nicht können, nicht schaffen, nicht auf die Reihe kriegen. Manchmal ergreife ich dann ein nicht-existentes, vorgestelltes kleines Säckchen und „werfe“ es meinem Gegenüber zu. Wenn mensch dann verwundert fragt, was drin ist, sage ich „Ein riesiger Vorrat an Noch“. Erstaunen.
Dann hellt sich das Gesicht auf: „Ach, ich kann es noch nicht, habe es noch nicht geschafft.“ Das vorwärtsgewandte Noch, gern in der Kombi von Noch nicht, eröffnet Zukunft. Noch ist nicht aller Tage Abend.
Am Gestern gemessen
Schließlich Noch in der Spannung von Vergangenheit und Zukunft. Wir hören es vor allem bei älteren Menschen, die sagen. „Das kann ich noch.“ Es ist ein frohes, stolzes Noch, hinter dem allerdings oft das traurige „Nicht mehr“ lauert. Während das eine Noch geht, ist manch anderes nicht mehr möglich. Auch da wird heimlich am Gestern gemessen. Wie wäre es, so schlug vor vielen Jahren der Franziskaner Heribert Arens, Dorsten, vor, dem ein Erst jetzt an die Seite zu stellen? Was geht Erst jetzt? Mit viel Lebenserfahrung, befreit von manchen Notwendigkeiten und Eitelkeiten.
Betreten wir hier ein Noch-freies Gebiet? Wohl kaum. Denn im Erst jetzt verbirgt sich ein Noch nie. Da wird etwas möglich, was ich noch nie konnte, mich noch nie getraut, mir noch nie erlaubt habe. So sehr dies oft eine Aussage älterer Menschen ist, so sehr höre ich ein lebensfrohes, freches kleines Mädchen durch, das sagt: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut!“ Sie kennen die Kleine nicht? Noch nicht? Pippi Langstrumpf sagt das. Kennen Sie echt noch nicht? Dann wird es Zeit, endlich ihre Bücher zu lesen. Es ist noch nicht zu spät.
Wo das rückwärtsgewandte Noch den Geist tötet, eröffnet das Noch nicht Zukunft, und das Noch nie Horizonte.
Das Noch ist ein Chamäleon, mit Um-Sicht zu gebrauchen.