SICHTWEISEN

Verhandeln

Links wird gezogen, rechts wird gezogen. Jede Seite findet, sie hat recht. Es gibt Wege aus dem Patt - nicht nur beim Synodalen Weg. 

28. Januar 2026

Text: Schwester Katharina Kluitmann | Foto: Barnabas Sani (pexels.com)

Vom Orient habe ich nur einmal kurz Georgien gesehen, das „Tor zum Orient“. Sofort war sonnenklar, dass ich in einer anderen Kultur gelandet war. Die Märkte! Die riesigen Pyramiden von Wassermelonen. Das Feilschen um den Preis. Verhandeln. Damit der Verkäufer nicht zu wenig bekommt. Und ich nicht zu viel bezahle. Für mich das Bild von verhandeln. Seine bunteste Form. Das Lächeln auf den Gesichtern. Er, der so viel verdient hat. Ich, die ich so wenig bezahlt habe. Win-win.

Wir hören von Verhandlungen in anderem Setting. Immer wieder. In Konferenzsälen. Politische Player verhandeln über Frieden, Klimaabkommen, Fischereiquoten, Zölle und vieles mehr. Oft braucht es Vermittlung, eine dritte Partei, wenn zwei sich schon zu lange und zu heftig streiten. Mediation. Damit am Ende alle erhobenen Hauptes vor die Presse treten können.

Mediation auch im Kleinen. Bei Familienstreitigkeiten, dienstlichen Patt-Situationen. Es geht um was. Um eigene Interessen. Gut verhandeln, um gut weitergehen zu können. Weil ein Kompromiss ausgehandelt wurde.

Gewinner und Verlierer

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Aushandlungsprozesse. Ein Wort, das Schule macht, glücklicherweise. Die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik sagt: „Der Aushandlungsprozess unterscheidet sich von der traditionellen Gremienarbeit mit Mehrheitsentscheidungen. Es gibt keine ‚Gewinner*innen‘ und ‚Verlierer*innen‘, sondern es wird nach dem Konsensprinzip verfahren.“ 

Das hat was. Am Schluss hat niemand alles Eigene durchgebracht, aber doch können alle mit dem Vereinbarten leben. Zunehmend arbeiten Organisationen mit diesem Verfahren. Es tut der Demokratie gut. Und die hat es gerade bitter nötig aus Polarisierungen rauszukommt.

Das Beste in aller Begrenztheit

Nun bin ich nicht in der Politik tätig, aber seit der Vorbereitungsphase 2018 beim Synodalen Weg, der zu Ende – und hoffentlich in eine neue Phase – geht. Wir haben im kleineren Synodalen Ausschuss zunehmend auf Konsens hingearbeitet. So konnte auch die Satzung der Synodalkonferenz einstimmig verabschiedet werden. Dass wir das geschafft haben, erfüllt mich mit Dankbarkeit. 

Hätte ich mir inhaltlich mehr vorstellen können? Na klar! Aber eben das macht gutes Verhandeln aus, Konsens finden. Mit einer Haltung, die das Beste für alle sucht. Das jetzt mögliche Beste! In der Überzeugung, dass ich den Heiligen Geist habe – aber die anderen auch. Manchmal war das für mich fast mit Händen zu greifen. Es hat viel, alles, mit Respekt zu tun. Den wünsche ich mir auch von denen, die nun den Prozess und die Beschlüsse kommentieren. Wir haben alle in aller Begrenztheit unser Bestes gegeben.

Elegante Kunst

Verhandeln. Synodalität gar? Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr verblasst das Bild vom Tauziehen, wo eine Seite die andere zu sich rüberzieht. Verhandeln: die elegante Kunst, das eigene Ende des Fadens festzuhalten und doch auch ein wenig loszulassen. Das Herzensanliegen einbringen und sich doch manches vom Herzen reißen. 

Weil Kirche so weitergehen kann. Und im besten Fall zeigt, wie Demokratie gehen kann. Win-win. Wie in Georgien auf dem Markt.