SICHTWEISEN

Leergut

Wo Liebe fehlt oder Sinn oder sogar Gott, fühlt sich das Leben wie ein großes Vakuum an. Wohin dann mit der Sehnsucht nach Fülle?

2. September 2026

Text: Pater Daniel Hörnemann OSB | Foto: wastedgeneration (pixabay)

Unter dem Titel „Vratné lahve“, zu Deutsch „Leergut“, kam 2007 eine prämierte tschechische Filmkomödie in die Kinos. Der Literatur-Lehrer Josef Weberknecht hat seine rebellierenden Schüler gründlich satt. Doch nach seiner Kündigung allein zu Hause mit seiner Frau Eliška langweilt er sich. Er nimmt eine Stelle in der Leergutannahme eines Supermarktes an, seinem neuen Lebensmittelpunkt.

Er stiftet Beziehungen unter seinen Kollegen. Ein Mitarbeiter heiratet am Ende sogar eine Kundin. Seine eigene Ehe hat allerdings über die Jahre jeglichen Reiz verloren. Doch angesichts eines Verehrers seiner Frau empfindet er plötzlich Eifersucht und organisiert zum 40. Hochzeitstag eine Ballonfahrt. Aufgrund einer Verquickung unglücklicher Umstände befinden sich Josef und Eliška plötzlich allein im davonschwebenden Ballon, den Josef nun selbst steuern muss. Die Situation der Lebensgefahr schweißt beide zusammen. Sie freuen sich auf die weiteren gemeinsamen Jahre, nachdem Josef den Ballon glücklich gelandet hat. Aus Leergut ist Vollgut geworden.

Verschwenderische Lebensfreude

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Bei der „Hochzeit zu Kana“ (Joh 2,1-11), die für den Bräutigam zu einem peinlichen Desaster zu entgleisen drohte, ging der Weinvorrat rasch aus. Offen bleibt, ob er falsch und zu gering kalkuliert hatte oder ob die Gäste einen zu großen Durst mitbrachten. Wie dem auch sei, Jesus sieht sich bemüßigt zu intervenieren, um das Debakel und das unvermeidlich folgende Gerede zu bewenden. Er fordert Leergut an, sechs große steinerne Krüge, die mit Wasser gefüllt werden sollen. Diese Gefäße dienten den jüdischen Reinigungsritualen der Waschung von Händen und Geschirr vor den Mahlzeiten.

Insgesamt konnten die sechs Gefäße rund 600 Liter Wasser aufnehmen. Mit diesem neuen gigantischen Vorrat lässt sich durchaus schon ein Fest ausrichten zur Zufriedenheit der Gäste... Die große Menge Wein steht symbolisch für die verschwenderische Fülle der Zuwendung und Lebensfreude, die Gott den Menschen schenkt. Bei diesem Luxuswunder wird aus Leergut absolutes Vollgut.

Leer hat mich der Herr zurückgelassen

Bei der gesamten Schöpfung herrschte zunächst Tohuwabohu, chaotische Ödnis und ungeordnete Leere. Einzig durch seine performativen Worte erschafft Gott eine neue Realität. Aus Leere wird kreative Fülle und ein geordneter Lebensraum. Dieser ist allerdings stets bedroht. Der Mensch droht immer neu, ins Chaos zurückzufallen durch Entfremdung von Gott, von den anderen Menschen und von der Schöpfung, das Vollgut dieser Welt aufs Spiel zu setzen oder gar definitiv zunichtewerden zu lassen.

Leere im Gefühl der Gottesferne oder der fehlenden Kommunikation mit Mitmenschen beklagen viele Psalmen. Sie geben der menschlichen Verzweiflung und Verlassenheit eine laute, ehrliche Stimme, die ihren Schmerz artikuliert: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? ... Die Not ist nahe und niemand ist da, der mir hilft!“ (Ps 22). Im Buch Rut (1,21) klagt Noomi über die Wendung ihres Schicksals ins Tragische: „Voll bin ich weggegangen, und leer hat mich der Herr zurückkehren lassen.“ Auch wenn sich diese Situation nicht gleich zum Guten wendet, ist das Aussprechen eine Kontaktaufnahme zu Gott, der wieder neue Fülle schenken kann.