SICHTWEISEN

Menschen

Was sind wir? Wer sind wir? Was sollen wir sein? Die Antwort von Margot Friedländer ist klar. Und stellt jedem von uns die wesentliche Frage.

18. Februar 2026

Text: Vera Krause | Foto: Florian Gaertner (photothek / Imago)

„Ich glaube, in jedem Menschen steckt Gutes, das geweckt werden kann. Es ist vielleicht eine Philosophie, die etwas simpel ist. Aber sie hilft mir“. Diese Worte stammen von Margot Friedländer (1921-2025), der Jahrhundertzeugin. Nach glücklicher Kindheit und Jugend in Berlin ab 1943 versteckt im Untergrund, im Frühjahr 1944 verraten und deportiert ins Konzentrationslager Theresienstadt. Sie verliert ihre gesamte Familie im Holocaust und überlebt selbst knapp – wie ihr zukünftiger Mann, mit dem sie in die USA emigriert. 

„Dass ich es geschafft habe zu überleben, verpflichtet mich“, sagte sie noch im Alter von 100 Jahren. Ganz sachlich und berührend zugleich schildert sie ihr Leben. Immer und immer wieder, bis zwei Tage vor ihrem Tod. Da ist sie zurück in Berlin, in ihrer Heimatstadt, die sie liebt und in der sie sich zuhause fühlt, wie sonst nirgendwo auf der Welt – trotz allem.

Jeder Mensch ein Gut-Mensch?

„In jedem Menschen steckt Gutes, das geweckt werden kann.“ Ich empfinde das als eine herausragend beeindruckende wie lehrreiche Lebensphilosophie einer Frau, die das Schlimmste erlebt hat, was Menschen einander antun können. Sie, die am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren hat, was es bedeutet, zum Nicht-Menschen degradiert zu sein, sieht das Menschliche in einem jeden Menschen.

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Jeder Mensch ein Gut-Mensch? Tatsächlich gehört das neurobiologisch zu den Potenzialen in uns – die wir kultivieren müssen, wenn sie nicht verkümmern sollen. Margot Friedländer sagt, dass sie sich dafür entschieden hat, nicht hassen zu wollen. Darüber hinaus keine großen Worte, „kein Pathos, keine heilige Miene“ (Franziska Reich, Journalistin).

„Zweitzeugen“

Neben den Schilderungen dessen, was sie als junge Frau in Deutschland seit 1933 erlebt und erlitten hat, ist die Botschaft, die Margot Friedländer zu sagen hatte, kurz: „Alle Menschen sind gleich. Es gibt kein christliches, kein muslimisches, kein jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Seid vernünftig. Seid Menschen. Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet.“ Im Kern zwölf Buchstaben, die alles sagen, was die Welt verändern könnte – damals wie heute: „Seid Menschen.“

Margot Friedländer klagte nicht an, sie erinnerte. Sie belehrte nicht, sie verdeutlichte. Sie forderte nicht, sie reichte ihre Hand. Sie mahnte nicht, sie bat darum, dass wir die Zeug:innen seien, die sie bald nicht mehr würde sein können. „Zweitzeugen“ hat sie das manchmal genannt. Inzwischen ist es soweit. 

Wofür stehe ich?

Mich berührt das sehr. Als Deutsche aus den Generationen der Zweitzeugen. Als Christin in meinem Glauben an den Gott, der Mensch wurde, und als Mitglied einer Kirche, die die Augenhöhe so oft schuldig blieb und bleibt.

Was bezeuge ich in und mit meinem Leben? Wem fühle ich mich verpflichtet? Was ist meine Grundentscheidung? Wofür stehe ich? Und wie ehrlich bin ich dabei? Von Margot Friedländer lerne ich: Der wichtigste Weg ist stets der aufeinander zu. Ehrlichen Herzens. Ganz simpel. Ohne große Worte, ohne Pathos, ohne heilige Miene.