SICHTWEISEN

Messen

Einen Blick für die Nächsten zu haben, heißt nicht, sich ständig zu vergleichen. Und was, wenn Gott den Zollstock rausholt?

27. Mai 2026

Text: Annette Höing | Foto: fcja99 (pixabay)

Ich messe die Nische im Bad aus. Wird das Regal dort hineinpassen? Der Zollstock legt es in Sekundenschnelle offen. Es passt nicht. Manchmal bin ich mit meinen Urteilen genau so schnell wie ein Zollstock. Im Fitnessstudio macht eine Frau die gleiche Übung wie ich. Ich kann sie besser. Ganz schnell klappt sich der innere Zollstock auf und ich messe nach meinem Maß – nach meinem Können, meinen Einstellungen, meinem Geschmack. 

Andersherum funktioniert es auch: Ich begegne Menschen, die haben, was ich nicht habe, und die können, was ich nicht kann. Dafür reicht es bei mir nicht. Schnell ist das Gefühl da: Ich reiche nicht. Das ist deprimierend. Wie ist das eigentlich bei Gott? Nimmt der auch einen Zollstock, mit dem er meine Leistung misst?

Vor der Himmelspforte

Vor meinem inneren Auge läuft ein Film ab: Ich komme bei Gott vor der Paradiesespforte an. Unmengen von ausgeklappten Zollstöcken stehen dort. Viel sind sehr lang. Daneben sehe ich verschwindend klein aus. Wenn Gott mich damit misst, bin ich verloren. Er prüft die Zollstöcke. „Wo habe ich nur …?“, murmelt er. Er nimmt einen gewaltigen Zollstock in die Hand. Neben dem werde ich verschwinden. 

„Das war der von Franz von Assisi. Der hier“, er greift zum nächsten, mindestens genau so lang, „gehörte Mutter Teresa. Und der“, – annähernd gleiche Länge, „steht hier noch von Alexej Nawalny.“ Dahinter kommen wesentlich kürzere Zollstöcke zum Vorschein, noch nicht einmal halbe Länge. Davon nimmt er einen. „Das ist deiner“, sagt er zufrieden.

Wenn Gott misst

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Zuerst bin ich erleichtert. Als Gott mit ihm näher kommt, werde ich nervös. Der ist zu groß, viel größer als ich. Als Gott ihn mir an den Rücken stellt, spüre ich den Zollstock über mich hinausragen. Zu viel? Bestimmt. Bestimmt reicht es nicht. Bestimmt reiche ich nicht. Ich bin nicht gut genug. Ich habe es nicht geschafft. 

Gott macht jetzt den Arm lang und wirft einen prüfenden Blick auf mich und den Zollstock. Dann legt er seine Hand auf meinen Kopf. Ich habe früher meinen Kindern ein Buch auf den Kopf gelegt, wenn ich sie an der Wand gemessen habe. Damit es genau wurde und sie keinen Zentimeter dazu schmuggeln konnten. Jetzt wird es sich offenbaren, wie wenig ich bin.

Ich wachse …

Aber statt noch kleiner zu werden, fühlt es sich an, als ob ich unter der Hand Gottes größer würde. Ja, ich wachse über mich hinaus, als ob diese Hand mich etwas streckt   zu meiner vollen Größe? Ein himmlisches Lächeln geht über Gottes Gesicht. „Das sieht gut aus,“ sagt er. „Das passt.“ Dann stellt er den Zollstock zurück zu den anderen. Er verschwindet hinter den großen von Franz von Assisi, Mutter Teresa und Alexej Nawalny. Das passt, hat Gott gesagt.

Wenn unser Herz uns verurteilt, Gott ist größer als unser Herz, sagt die Bibel (1. Johannesbrief, 3.20). Wenn Gott zu meinem Maß noch eine Hand dazu legt, passt es. Nicht dafür, dass aus mir Mutter Teresa wird. Es reicht, wenn ich annähernd ich werde. Wie beruhigend, dass Gott das Entscheidende, das fehlt, noch dazu legt.