SICHTWEISEN

Mühle

Das Rad dreht sich immer fort. So verlässlich wie monoton. Wie viel Bewegung braucht mein Leben - und wie viel Bewährtes?

6. Mai 2026

Text: Annette Höing | Foto: Milan Vasicek (Zoonar / Imago)

„Von zwei Frauen, die an derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen“ (Matthäus-Evangelium 24,41). Der Satz irritiert mich. Warum diese Ungleichbehandlung, wenn beide das Gleiche tun? Keine Rede davon, dass die eine schneller oder fleißiger mahlt als die andere. Und doch wird nur die eine vom Menschensohn, der am Ende der Zeit zum Gericht kommt, mitgenommen und gerettet. Wie passt das zu Jesus, dem guten Hirten, der das verlorene Schaf sucht, bis er es findet?

Wie viel Korn müssen die beiden Frauen mahlen, damit ihre Familien davon satt werden? Wie lange müssen sie arbeiten? Nach dem Mahlen geht die Arbeit weiter: Teig ansetzen, formen, backen, Kinder und Alte versorgen, waschen, Ordnung halten – das ganze damals typische Frauenprogramm – tagein, tagaus, die Mühlen des Alltags. Die kenne ich ebenfalls, auch wenn sie bei mir anders aussehen: aufstehen, zur Arbeit gehen, dort oft die gleichen Aufgaben bearbeiten, im Haushalt die zerfallende Ordnung wiederherstellen oder erhalten, einkaufen, kochen, Absprachen in der Familie treffen, Termine einhalten, mich kümmern.

Meine Nerven!

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

In meiner Alltagsmühle wird kein Korn zermahlen, sondern - so fühlt es sich oft an - meine Energie und meine Nerven. Muss ich das so mitmachen? Alltag ist zu 90 Prozent Routine, aber er muss kein langweiliger stumpfer Trott sein. Wenn etwas sinnstiftend ist, dann kann es auch beim tausendsten Mal sehr befriedigend sein. Es kann ein gutes Gefühl sein, wenn Eingeübtes sicher von der Hand geht. 

Das Wissen, dass das immer gleiche Klein-Klein wichtig ist, kann bei der Erledigung hirnloser Tätigkeiten motivieren, damit Größeres gelingt, beispielsweise das Zusammenleben in einer Familie. Erfahrung und Routine können auch Kräfte sparen. Es kommt auf die Perspektive und die innere Einstellung an.

Gott und der Staubsaugerbeutel

Und dann denke ich wieder an die beiden Frauen aus dem Evangelium an derselben Mühle. Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied: Die eine klebt fest im Trott des immer Gleichen und Eintönigen. Die andere sieht beim Mahlen schon das fertige Brot vor sich, spürte den Duft in der Nase beim Herausholen aus dem Ofen und lächelte innerlich bei der Vorstellung, wie zufrieden die Kinder davon essen werden. Die eine lässt sich vom monotonen Tun zermürben und aufreiben, die andere lässt sich beflügeln.

Für meinen Glauben kann das bedeuten: Es braucht nicht die spektakulären Momente, damit ich mit Gott in Kontakt komme. Im ganz normalen Alltag finde ich viele Gelegenheiten, mich mit Gott verbunden zu fühlen. Bei allem, was ich tue, kann ich mit ihm in Kontakt treten. Es braucht Offenheit und Vertrauen dafür. Ich lasse mich von Gott begleiten bei dem, was ich gerade tue oder erlebe. Ich lasse mich mitnehmen von ihm in eine Wirklichkeit, die voll ist von seinen Spuren. Ich entdecke ihn unter den Mitpendlern im Zug, bei einer ruhigen Tasse Kaffee, beim Wechseln des Staubsaugerbeutels. Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn das nächste Mal, wenn ich um die Ecke biege.