Das Mid-Wales Hospital war ein psychiatrisches Krankenhaus in der Nähe der walisischen Kleinstadt Talgarth. Es wurde 1999 endgültig geschlossen, da sich die Behandlungsmethoden gravierend änderten. Heute gilt es als „Lost Place“, vor dessen Betreten wegen Asbest- und Einsturzgefahr dringend gewarnt wird.
1903 wurde es als „Lunatic Asylum“ eröffnet mit einer eigenen Farm zur Selbstversorgung, auf der die bis zu 352 Patienten zu arbeiten hatten, eigenem Elektrizitätswerk, Kesselhaus, großer Küche und Kapelle. Hugh Purcell erzählt in seinem Buch „Up Top“, wie psychisch Kranke im 20. Jahrhundert behandelt wurden, vor allem im Mid Wales Mental Hospital. Es war das einzige Krankenhaus im Vereinigten Königreich für psychotische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg, darunter der stellvertretende „Führer“ Rudolf Hess. Wenn von jemand gesagt wird, er habe nicht viel „up top“, dürfte dieser nicht viel „im Oberstübchen“ haben, also Intelligenz im Kopf besitzen beziehungsweise geistig „nicht normal“ sein.
Gastfreundschaft und Ruhe
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die „Sichtweisen“, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Eine ganz andere Bedeutung hat „Oberstube“ oder „Obergemach“ als Raum im Obergeschoss eines Gebäudes. Das obere Stockwerk diente im Alltag oft als privater Rückzugsort. In der Bibel finden sich unterschiedliche Obergemächer erwähnt. Eine wohlhabende Frau aus Schunem erkannte Elischa als echten Mann Gottes und ließ ihm mit ihrem Mann eine persönliche Herberge einrichten: „Lass uns doch ein kleines gemauertes Obergemach machen und ihm Bett, Tisch, Stuhl und Leuchter hineinstellen; wenn er zu uns kommt, kann er dort einkehren" (2 Kön 4,10). So fand er immer einen Ort der Gastfreundschaft und Ruhe.
Der Prophet Daniel zog sich in sein Obergemach zurück, um dreimal am Tag in Richtung Jerusalem zu beten (Dan 6,11). Die städtischen Häuser in Jerusalem waren meist zweistöckig. Ein großzügiger Obersaal war in der Regel über eine Außentreppe zu erreichen. Ein solches Obergemach war der Ort für Schlüsselmomente im beginnenden Christentum. Jesus feierte mit seinen Jüngern am Vorabend der Kreuzigung ein letztes Mal das Pessach und setzte das Abendmahl ein (Mk 14/Lk 22).
Vorwürfe der Verwandtschaft
Das „Coenaculum“ gilt als Geburtsort der christlichen Kirche. Die Jünger versammelten sich nach Jesu Kreuzigung aus Angst hinter verschlossenen Türen im Obergemach. Dort erschien ihnen der Auferstandene (Joh 20). Nach seiner Himmelfahrt verharrten die Jünger dort gemeinsam mit Maria in einmütigem Gebet (Apg 1) und wurden dort an Pfingsten mit dem Heiligen Geist erfüllt (Apg 2). Der Rückzugsort wurde zum Ausgangsort für die Bewegung des Glaubens, auch wenn man ihn von Anfang zu diskreditieren versuchte.
Jesus selbst wurde von seinen Verwandten vorgeworfen (Mk 3,21), er sei im „Oberstübchen“ nicht ganz richtig. Auch die religiösen Autoritäten erklärten ihn für „besessen“. Mit demselben Vorwurf wurden die Jünger angegangen: Als sie zu Pfingsten plötzlich in fremden Sprachen redeten und begeistert Gott lobten, spotteten manche, sie seien vor Trunkenheit von Sinnen. Wer Christ ist, muss damit rechnen, für „nicht ganz richtig im Oberstübchen“ gehalten zu werden. Am Ende wird sich aber Gottes Weisheit durchsetzen.