SICHTWEISEN

Rücksicht

Ob Drängler im Straßenverkehr oder die Lauten in der Kirche: Warum so aggressiv? Wie kann das aufhören? Ein Geheimtrick von Schwester Katharina.

14. Januar 2026

Text: Schwester Katharina Kluitmann | Foto: Lichtsammler (pixabay).

Letztens in einer größeren deutschen Stadt. Auf dem Bürgersteig neben einer ausgewiesenen Fahrradstraße spazieren im Dunkeln zwei ältere Frauen, offensichtlich ins Gespräch vertieft. Plötzlich breitet die eine die Arme aus. Am äußeren Arm baumelt ein kleiner Taschenschirm. In diesem Moment braust ein Radfahrer so dicht an den beiden Frauen vorbei, dass er offenbar gegen den ausgestreckten Arm der Frau rast.

Verschiedene Fortsetzungen kann man sich vorstellen: Der Radfahrer fährt einfach weiter. Oder er ruft kurz „Sorry“. Oder er kehrt um und entschuldigt sich. Doch nichts davon. Er steigt ab und ruft den Frauen hinterher, er wolle die Personalien haben, die Polizei rufen, weil man ihn wohl geschlagen habe.

Blick in den Rückspiegel

Eine extreme Situation, Verkennung der Tatsachen. Aber auch sonst erlebe ich momentan oft fehlende Rücksicht. Im Straßenverkehr, wo Fußgänger auf der Straße, Radfahrer auf dem Fußweg, Autos auf Radwegen nicht nur regelwidrig stören, sondern auch noch diejenigen beschimpfen, die im Recht sind. Oder die Schwimmerin, die innerhalb weniger Minuten bereits den dritten Schwimmer rammt, ohne ein Wort des Bedauerns. Die Drängler in der Warteschlange, die Lauten in Kirche oder Museum, die Unverschämten an der Kasse. 

Was ist nur los? Wo ist die Rücksicht hin? Im Nachdenken über Rücksicht fiel mir der Rückspiegel ein. Wer zurückschaut, kommt besser vorwärts. Sicherer, schneller. Was tun? Wie den Kreislauf durchbrechen? Den Kreislauf von Rücksichtlosigkeit, Ärger, harten Worten. Den Kreislauf, der unsere Gesellschaft aggressiver macht.

Was hilft?

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Wie geht Deeskalieren? Welche Haltungen braucht es? Friedensliebe, Demut, Fantasie. Welche Voraussetzungen? Ausgeschlafen sein, ausgeglichen, gelassen. Welche Techniken helfen? Gewaltfreie Kommunikation, Ich-Botschaften, Schlagfertigkeit – verbal natürlich!

Die beiden älteren Damen haben es geschafft. Sie deeskalierten. Vielleicht einfach, weil sie zu perplex waren. Sie argumentierten nicht, machten keine Vorwürfe, gingen schließlich einfach weiter. So würde ich das gern können, wenn es mich das nächste Mal trifft.

Mein Geheimtrick

Rücksicht, weil wir alle mal Fehler machen. Weil es uns allen mal schlecht geht und wir alle manchmal eine kleine oder große Portion Unterstützung brauchen. Rücksicht, weil wir Menschen sind – und erst recht, weil wir aus christlichem Geist leben wollen. Rücksicht, weil es dem Frieden in der Welt dient, der Polarisierung wehrt. Rücksicht, auch wenn andere rücksichtslos sind. „Denn wer dich auf die eine Wange schlägt, dem halte auch die andere hin.“

Ich bin normalerweise rücksichtsvoll, aber ehrlich gesagt endet meine Rücksicht oft, wenn andere rücksichtslos sind. Da kann ich nur meine eigenen Tipps von gerade versuchen umzusetzen. Mein Geheimtrick: Es macht Spaß, überraschend rücksichtsvoll zu sein, wenn ich gerade die nötige Kraft dazu habe. Das macht fröhlich. Es motiviert mich und vielleicht andere bei nächster Gelegenheit zur Rücksichtnahme in schwierigeren Situationen. Rück-Sicht, weil sie uns alle nach vorne bringt.