Ich will für meine Seele sorgen. Aber Jesus sagt (Markus 8, 35): „Wer seine Seele retten will, wird sie verlieren, wer aber seine Seele verloren gibt für mich und das Evangelium, der wird sie retten!“ Das baskische Märchen „Der Turm zu den Sternen“ hilft mir, das zu verstehen. Da fürchtet der König, seine Tochter könne geraubt werden. Darum lässt er sie in einen Turm einmauern – und hat sie so schon verloren. Eine Seelengeschichte. Mauere deine Seele ein, um sie zu schützen – und du hast sie schon verloren.
Verloren geben sollen wir die Seele, sagt Jesus, für sein Evangelium. Evangelium, gute Nachricht, nannte man es damals, wenn ein neuer Herrscher zur Thronbesteigung einen Schuldenerlass gewährte. Jesu Evangelium ist, dass Gott erlässt, was wir schuldig geblieben sind, was uns fesselt und belastet. Dass wir erlöst sind zu einem Neuanfang. Versuche nicht, Verdienste nachzuweisen, sagt Jesus mir. Behaupte nicht, du seist nicht ganz so schlecht wie andere. Versprich nicht, alles zurückzuzahlen. Vertrau der Güte Gottes. Er lässt es gut sein. Atme auf.
Denkt größer!
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Und weiter sagt Jesus (8, 36): „Was nützt es einem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen - und seine Seele einzubüßen?“ Was nützen Besitz, Karriere, Ansehen, selbst Liebe, wenn ich mich dafür verbiegen und meine Seele verkaufen muss? Doch der Güte des Himmels kann ich meine Seele vorbehaltlos anvertrauen.
Gleich zu Beginn ruft Jesus dieses Evangelium aus. „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Markus 1,15). Das griechische metanoiete, das meist als „kehrt um“ übersetzt wird, meint aber mehr. Meta bedeutet mehr als, darüber hinaus, noiete meint sinnt nach. Man könnte übersetzen: Weitet den Sinn! Denkt größer von Gott und von euch. Lasst alle Enge hinter euch. So wie die im Turm eingemauerte Königstochter aus dem baskischen Märchen. Die steigt hinauf bis zur Turmspitze, schwingt sich über die Brüstung und geht auf den nächsten Stern zu!
Mehr Heimkehr als Umkehr
„Meine Seele macht den Herrn groß!“, singt Maria, auch sie ein Sternenkind, im Magnificat. Lasse ich Gott in meiner Seele groß sein, dann spüre ich: Seine Güte reicht weiter reicht als meine, Sein Sinn reicht weiter als mein Verstehen. Wenn ich Gott lobe - und das bedeutet: einstimmen in Sein Großes Ja zum Leben - , dann treten meine Wünsche und Ängste zurück. Und meine Seele weitet sich.
Metanoia ist die griechische Entsprechung des alttestamentlich-hebräischen Wortes teschuwa. Von jüdischen Gelehrten habe ich gelernt, teschuwa bedeute weniger Umkehr als Heimkehr. Wenn ich über mich hinaus gehe, finde ich heim zu mir selbst. Extra – intra – supra. So beschrieb Augustinus den Weg zum Seelenfrieden. Geh nach außen, um zu dir zu finden. Aber du findest dann mehr als dich selbst.
Um Frieden zu finden, muss meine Seele ein Zugvogel sein. Kein Papagei auf der Stange. Kein Käfighuhn. Wurde da je schöner gesagt als in Joseph von Eichendorffs Gedicht Mondnacht? „Und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus / Flog durch die stillen Lande / als flöge sie nach Haus.“